QUANZHEN: Always calm yet responsive

wandlungsphasen
… and always responsive yet always calm – der menschliche Geist im daoistischen Verständnis der Fünf Wandlungsphasen

 

全真 Quanzhen – Schule der Vollkommenen Wirklichkeit ist eine Form des chinesischen Daoismus. Sie besteht aus einer nördlichen und südlichen Richtung. Begründet wurde sie im 12. Jahrhundert von Wang Chong Yang (1112–1170) als klösterlicher Orden. Auch hier kommen Strömungen und Konzepte des Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus synkretistisch zusammen.

Es handelt sich um einen Lebensweg, der auf Freiheit, Reinheit und Ruhe von Körper und Geist ausgerichtet ist. Die Lehren dieser Richtung des Daoismus sind Teil der Inneren Alchemie NEIDAN. In diesem Kontext wurden auch die Daoyin-Methoden des 返還功 Fan Huan Gong als Technik der körperlichen und geistigen Selbstkultivierung praktiziert wie sie im Rahmen der Woche der Traditionellen Chinesischen Medizin auf diesem Blog vorgestellt wurden.

Zu den Beiträgen und Bildergalerien zum Fan Huan Gong.


Ziel ist die Beherrschung der Leidenschaften – und die soll ganz mechanisch geschehen.


Dieses Zitat der altgriechischen Philosophie der Stoa (Apatheia) entstammt einem Arbeitsblatt aus dem Ethikunterricht meiner Schulzeit. Es blieb als Textfragment in meinem Bewusstsein kleben, ohne dass ich mich an den Kontext erinnern konnte, aus dem es stammt. Es wurde zu einer Art Mantra, das ich mir immer wieder in gewissen Lebenssituationen ins Gedächtnis zurückrief. Der Begriff Ziel impliziert, das es einen Weg dorthin gibt, einen Prozess, den man durchläuft, um dorthin zu gelangen – nichts was sich sofort und plötzlich ändert ließe.

Dieser diffuse Weg zur Berrschung der Leidenschaften (in diesem Kontext nun die Fünf Dinge genannt: irrlichternes Umherschweifen, Unstetigkeit, erschöpfende Sexualität, wertende Geisteshaltung, fehlgeleitete Absichten) erschließt sich mir erst nur stückweise, 20 Jahre später schließt sich der Kreis. Ich finde ihn im Complete Reality Daoismus: Ruhig aber empfänglich die wirren Emotionen eines plärrenden Geistes den übergeordneten Tugenden (Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Weisheit) unterordnen und versuchen, sie wieder in die vom Geist unkonditionierten Zustände zu wandeln. In einer der Quellen des Quanzhen lese ich Folgendes zur Beherrschung der Leidenschaften aus der daoistischen Perspektive:

The five bases (basic essence, basic sense, basic vitality, basic spirit, basic energy) and five things (wandering soul HUN, the bodily soul PO, the earthly vitality, the discriminating mind, the errant intent) are further said to contain, respectively, five virtues and five thieves. The five virtues represent qualities which are held to simultaneously promote social health and personal development. The five thieves are emotions and cravings, called thieves or bandits because their indulgence robs the individual of energy, reason, and inner autonomy. This drainage is held to be the cause of physical and mental decline. Thus the aim of Complete Reality Taoism is to govern the five things by the five bases, and subordinate the five thieves to the five virtues.

 

 

Wendet man diese Begriffe auf das Wandlungsphasen-Modell WU XING an und berücksichtigt die verschiedenen Zyklen dieser modellhaften Vorstellung von Hervorbringung (Konditionierungen), rückwärtiger Hervorbringung (Ursprüngliche Zustände) und Überwältigung (Degeneration der ursprünglichen Zustände sowie der Tugenden zu Emotionen) erhält man ein aufschlussreiches dreidimensionales Modell der Wandlungen menschlichen Denkens, Fühlens, Handelns im Sinne der daoistischen Schule der Vollkommenen Wirklichkeit QUANZHEN.

 

QUELLE: CHANG PO-TUAN: Understanding Reality. A Taoist Alchemical Classic, Translated by Tom Cleary, University of Hawaii Press, 1987

Zeitumstellung: Mit Folgen für die Gesundheit?

zeitumstellung folgen gesundheit © mma23 - Fotolia.com
Jedes Jahr die gleiche Frage zur Zeitumstellung: Vor oder zurück?

 

Sommerzeit: Die Uhren werden in der Nacht zum Sonntag wieder um eine Stunde auf 3 Uhr vorgestellt, die Nacht ist damit um eine Stunde verkürzt. Das Für und Wider und die Folgen der Zeitumstellung für die Gesundheit werden seit Jahren diskutiert.

Zeitumstellung: Folgen für die Gesundheit

Bei vielen Menschen leidet der Biorhythmus ohnehin aufgrund der saisonalen Umstellung und der damit einhergehende Blutdruckabsenkung, man fühlt sich schlapp, müde und gereizt auf Arbeit, nicht wenige leiden unter Einschlafproblemen und Schlafstörungen. Kinder werden quengelig, unausgeglichen und haben Schwierigkeiten, sich in der Schule zu konzentrieren.

Zeitumstellung: Folgen für Verkehr und Wirtschaft

Aufgrund des herabgesetzten Konzentrationsvermögens steigen die Unfallzahlen in der folgenden Woche um 30%, besagt eine Studie des ACE Autoclub Europa aus dem Jahr 2013: ACE – Zeitumstellung macht mehr Menschen müde.

Auch führt die Zeitumstellung zu erhöhten Kosten für die Wirtschaft, so müsse zum Beispiel die Bahn etliche Uhren umstellen und sicherstellen, dass die Nachtzüge sich wieder in den verschobenen Fahrplan einordnen.

Zeitumstellung erhöht das Risiko für Herzinfarkt

Durch die Stunde weniger Schlaf gerät der Hormonhaushalt durcheinander, Folgen können neben Schlafproblemen eine geringere Spermienproduktion des Mannes sein oder ein erhöhtes Herzinfarktrisiko.

Laut einer US-Studie aus dem Jahr 2014 steigt das Risiko eines Herzinfarkts am Folgetag um 25%. Das Ergebnis dieser Studie weist darauf hin, dass Menschen mit erhöhter Anfälligkeit für Herzerkrankungen unmittelbar nach der Zeitumstellung einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, so Amneet Sandhu von der University of Colorado.

Gestützt wird diese Aussage von einer DAK-Analyse aus dem selben Jahr. Demnach wird seit 2006 eine Zunahme der Krankenhausaufnahmen wegen Herzbeschwerden um 25% in den ersten drei Tagen nach der Zeitumstellung beobachtet: DAK-Analyse – Mehr Herzinfarkte durch Zeitumstellung.

Tipps für die Zeitumstellung

Aber die Stunde mehr Tageslicht am Abend soll helfen, Strom zu sparen und lässt sich für die Freizeitgestaltung nutzen: Eine Stunde länger draußen sein können bei Abendlicht ist für viele ein Gewinn an Lebensqualität. Vermehrter Aufenthalt an frischer Luft fördert zudem die Produktion des Aktivitätshormons Serotonin und hält die negativen Auswirkungen der Zeitumstellung im Rahmen.

Gehen Sie bereits die Tage zuvor früher zu Bett, altbewährte Kräutertees mit Baldrian, Hopfen, Melisse und Passionsblume helfen beim Einschlafen. Auch unterstützen Autogenes Training, Yoga oder Qi Gong beim Eingewöhnen in den neuen Schlafrhythmus und mindern die unerwünschten Folgen für die Gesundheit. Beim zeitigen Aufstehen helfen Tageslichtlampen oder zumindest viel helles Licht in der Wohnung beim Wachwerden.

WU XING: Wandlungsphase Holz – der Frühling

wandlungsphase holz
Frühling: Die Wandlungsphase Holz manifestiert sich

 

Ohne Verständnis der Wandlungsphasen kein tieferes Verständnis für die Traditionelle Chinesische Medizin|TCM – im Verlauf des Jahres kurze Einführungen zu den Wandlungsphasen jeweils zu ihren größten Ausdehnungen um die Tagundnachgleichen und Sonnenwenden.

WUXING als Ausdruck von YIN und YANG

Die Entsprechungslehre 五行 Wŭxíng – Fünf Wandlungen oder Fünf Manifestationen ist eines der grundlegenden Konzepte der chinesischen Philosophie und somit der Traditionellen Chinesischen Medizin|TCM. Sie steht in engem Bezug zur daoistischen YIN-YANG-Lehre, sind die Wandlungsphasen doch Ausdruck unterschiedlicher Zustände im dynamischen Zyklus steter Wandlung von YANG zu YIN und YIN zu YANG. Die 5 Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser sind Metaphern für diese qualitativen Aspekte der prozesshaften Wandlung von Himmel, Erde und Mensch: YANG steigt auf, wächst, erreicht seine maximale Ausprägung – im höchsten YANG entspringt das YIN, YIN steigt ab, nimmt zu, erreicht seine maximale Ausprägung und bringt im tiefsten YIN das YANG hervor.

木 Mù – Holz: Das kleine YANG


The three months of spring are called spring forth and display. Heaven and earth together produce life and the 10.000 beings are invigorated.


Der Frühling beginnt, die Wandlungsphase Holz hat jedoch bereits ihren Höhepunkt zur Tagundnachtgleiche erreicht. Dabei geht es wie gesagt nicht ausschließlich um Holz als materielle Substanz, sondern um die Qualität einer Dynamik: Das geringere oder kleine YANG, das eben gerade dem großen YIN, der Wandlungsphase Wasser entspringt. Die Knospen gehen auf, das erste zarte Grün zeigt sich nach einer langen Phase des Ruhens und Innehaltens. Junge Pflanzentriebe durchbohren die Erdkruste auf ihrem Weg ans Licht. Diese Kraft ist es, die sogar Asphalt durchbricht, die mit Holz bezeichnet wird.

Entsprechungen der Wandlungsphase Holz

Die Wandlungsphasen können auf alle dynamischen Prozesse des Universums angewendet werden und es gibt sehr viele Analogien, hier die Wichtigsten im Sinne der TCM:

Entsprechungen im Außen: Farbe Grün, Jahreszeit Frühling, Richtung Osten, Bewegungstendenz nach oben/außen, Geschmacksrichtungen sauer, bioklimatischer Faktor Wind, initialer Impuls (der Zeugung, des Beginns, etc.)

Entsprechungen im Innen: Organe Leber|Gallenblase, Sinnesorgane Augen, Körpergewebe Bänder und Sehnen, Emotionen Zorn/Wut/Ärger, pathogener Faktor Wind

Ganzheitliche Aspekte der Wandlungsphase Holz

In der weniger bekannten Anordnung des YI LUN – Kosmologische Sequenz steht Holz in Bezug mit Metall auf der Achse von Werden und Vergehen – Aufsteigen und Absteigen im ewigen Wechsel der Polaritäten von YANG und YIN. Der ausbreitenden Dynamik des Frühlings folgt die sammelnde Dynamik des Herbstes. Als junge Menschen wollen wir die Welt erobern, als reife Menschen wollen wir gelegentlich nur noch in Ruhe gelassen werden. Holz steht hier für Expansion und im Weiteren Einbindung in vielfältige soziale Beziehungen (Feuer), Metall für Kontraktion und später Konzentration aufs Wesentliche (Wasser).


At night one goes to bed and at dawn one gets up.


Wenn wir in Resonanz mit dieser aktuellen Energie im Außen sind, gehen wir nun früh in die Beschleunigung, sind tagsüber produktiv und voller Energie und Tatendrang – die alltäglichen Aufgaben gehen leicht von der Hand und alles läuft in die richtige Richtung. Wir haben Lust auf neue Entdeckungen und sind eher bereit, die Trampelpfade der Gewohnheiten spontan zu verlassen. Die ureigene Qualität der erkundungsfreudigen Wanderseele HUN – einer der fünf Aspekte des Geistes SHEN – kommt jetzt voll zum Tragen. Vorausgesetzt wir haben uns im vorangegangenen Winter Zeit und Ruhe zur Sammlung und Erholung gegeben und uns nicht durch übermäßigen Aktionismus zur falschen Zeit verausgabt.

Auch gibt es keine nachhaltige Kreation ohne ausreichende Rekreation – gerade zu dieser Jahreszeit ist ein Bewusstsein für die eigene Work-Life-Balance für den weiteren harmonischen Jahresverlauf wichtig.

 

QUELLE: Larre/Rochat de la Vallée: Chinese Medicine from the Classics – The Liver, Monkey Press, 1994.

Räuchern: Dem Feuer übergeben

räuchern
Durch Feinstoffliches die Anbindung an die Höhere Ordnung wiederherstellen

 

Reinigende Rituale: Traditionell wurde im deutschsprachigen Raum zu den 12 Rau(ch)nächten mit edlen Harzen, Hölzern und Kräutern Haus und Hof ausgeräuchert. Diese Raunächte stammen aus der Zeit der Kelten, die den Zeitunterschied vom lunaren zum solaren Jahr mit den sogenannten Freinächten ausglichen. Räuchern soll den Raum von stagnierter Energie klären und dadurch das Wohnklima verbessern. Der feinstoffliche Rauch spricht über den Geruchssinn direkt das limbische System an, eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Struktur des menschlichen Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen dient und einen Bezug zu menschlichen Trieben hat.

In vielen Kulturen wird bei religiösen Ritualen geräuchert: Als Opfergabe oder als Botschaft an den Himmel. So schafft der bekannte Weihrauch einen feierlichen und würdevollen Raum der Andacht, desinfiziert gleichzeitig die Luft und verbessert die Akustik. Das enthaltende Incensol wirkt angstlösend und antidepressiv und scheint so dabei behilflich zu sein, sich auf die Höhere Ordnung einstimmen zu können. Auf körperlicher Ebene wirkt das Harz des Weihrauchbaums entzündungshemmend und antirheumatisch und wurde seit jeher im Orient und Occident naturheilkundlich eingesetzt. Im Iran ist bekannt, das das Weihrauchharz bei innerer Anwendung Geist und Verstand stärkt, das Konzentationsvermögen und die Gedächtnisleistung verbessert.

Die Heiligen Drei Könige brachten dem neugeborenen Jesus bekanntermaßen Weihrauch, Gold und Myrrhe dar. Eine Deutung besagt: Weihrauch versinnbildlicht den Neubeginn und die Geburt, das Schöpferische und den Himmel. Gold steht für die Jugend und das Leben; Myrrhe für den Tod, das Vergängliche, das Weltliche und die Erde. Das erinnert an die drei Königreiche der Realität aus der daoistischen Tradition der Chinesischen Medizin: TIAN – der Himmel, REN – der Mensch, DI – die Erde: Wir Sterblichen verbinden das Himmlische und das Irdische durch unser Menschsein. Ein sehr kurzer Exkurs dazu:

  • Die Polaritäten von Himmel und Erde kommen durch die Wirklichkeit menschliches Handelns, Bewusstsein, Rituale und spirituelle Praxis zusammen. TIAN steht für den Himmel, repräsentiert durch das Trigramm ☰ QIAN – das Schöpferische (das größte YANG) und DI für die Erde, repräsentiert durch das Trigramm ☷ KUN – das Empfangende (das größte YIN). Der Wandel zwischen diesen Polen, Werden und Vergehen ist das zentrale Thema des YI JING, dem Klassiker der Wandlungen, dem diese Trigramme entstammen.
  • Schöpfen und Empfangen, Transformation und Nährung des geistigen Selbst sind auch Themen des Prozesses der inneren Alchemie NEIDAN, der im Gegensatz zur äußeren Alchemie und dem stofflichen Nähren des physischen Köpers steht.

Das Räuchern mittels der transformativen Kraft des Feuers lässt sich als ein Ritual der Wandlung und Übergabe einer irdisch-stofflichen Substanz an die immaterielle Qualität des Himmels deuten. Es unterstützt beim Versuch, sich als spiritueller Mensch aus den gelegentlich trüben Widrigkeiten des Alltags zu den immerwährenden, übergeordneten Wirklichkeiten und Bestimmungen der Höheren Ordnung, dem DAO zu erheben.

 

Meine persönliche Erfahrung mit dem Räuchern und seinen positiven Effekten machte ich während meiner Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung: Nach zwei Jahren Ausbildung sowie einer längeren Fortbildungsreise nach Thailand, die mich als Abschluss zu einer buddhistischen Segnung auf die oberste Ebene des Tempels von Angkor Thom in Kambodscha führte, schloss ich mich 10 Wochen mit all meinen Lernkarten und Prüfungsunterlagen ein und stopfte, was in den Kopf reinging. Für mich galt es nach satten zwei Jahren die westliche Physiologie und die Betonung der Pathologie durch diese unsägliche Amtsarztprüfung hinter sich zu lassen, um sich voll und ganz auf das konzentrieren zu können, womit ich mich eigentlich beschäftigen wollte: Die Traditionelle Chinesische Medizin als eine ganzheitlich-alternative Perspektive auf Mensch, Gesundheit, Wachstum und Wandlung.


以及 Yǐjí – Sowohl … als auch.


Und so geriet diese Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung für mich zu einem persönlichen Initiationsritus: Die Schwelle vom kausal-analytischen Denken unserer abendländischen Tradition zur synkretistisch-vernetzten Pluralität einer Medizin nach chinesischer Art und Weise. Den Weg bereitete die heilsame Wirkung des Weihrauchharzes, das mein Vater von einer Reise aus dem Jemen mitbrachte …

FENG SHUI: Positive Affirmation

feng shui positive affirmation
Affirmative Objekte – Bestärkung auf dem eigenen Weg

 

Kreative Techniken der Selbstaffirmation: Wo möchte ich hin, was will ich erreichen, was kann ich verbesseren? Wir alle kennen solche selbstformulierten Leistungsansprüche, doch manchmal fehlt die treibende Motivation oder der richtige Ansporn, um ans Ziel zu gelangen oder ein gedankliches Projekt zu manifestieren. Eine Methode der Unterstützung kommt aus dem klassischen Feng Shui und nennt sich positive Affirmation bzw. Affirmative Objekte.

Feng Shui als historische Technik der positiven Affirmation

Fēngshuǐ (风水 Wind und Wasser) ist eine traditionelle daoistische Philosophie der Wahrnehmung von Raum und Beobachtung der natürlichen Umweltbedingungen und – einflüsse. Das Feng Shui der Lebenden befasst sich mit der geeigneten Ausrichtung, Gestaltung und Nutzung des menschlichen Wohnraums im Hinblick auf einen harmonischen Qi-Fluss. Es entstammte ursprünglich dem Feng Shui der Toten, das die Landschaft nach dem idealen Begräbnisplatz für die verstorbenen Ahnen untersucht. Beide Formen drehen sich um das Sammeln und Zerstreuen der universellen Lebensenergie Qi in seiner Ausprägung als günstiges oder ungünstiges Qi.

Feng Shui galt als eine der fünf daoistische Wissenschaften, einem antiken chinesischen Wissenschaftsbegriff, der die Medizin, Astrologie, Qi Gong, klassische Kampfkünste und eben das Feng Shui in seinen beiden Formen umfasste. Wie auch die antike chinesische Medizin und die chinesische Astrologie basiert es auf den selben theoretischen Grundlagen und Denkmodellen wie zum Beispiel der YIN-YANG-Lehre oder der Fünf-Elemente-Theorie unter Berücksichtigung der Himmelsrichtungen. In den 1990er Jahren erfuhr Feng Shui eine starke Rezeption im Westen, die von den USA ausging und teilweise recht triviale Publikationen hervorbrachte, die auf schlechter Recherche und unzusammenhängendem Verständnis basierten.

Nach dem Abbruch der traditionellen Übertragungslinien durch die Wirren der maoistischen Kulturrevolution werden heute wieder in China, Hongkong und Taiwan selbst Großprojekte unter Feng Shui Gesichtspunkten geplant und realisiert.

Bestärkung durch Objekte

Im Kontext dieser Vorstellungen von einer Energie Qi, die sowohl den umbauten Raum durchströmt als auch den Landschaftraum und dabei belebte als auch unbelebte Materie durchfliesst, existiert das Konzept der Affirmativen ObjekteDies können Fotografien, selbstgebastelte Objekte, Kunstgegenstände oder Urlaubsmitbringsel sein, gesammelte Fundstücke wie Objet Trouvé oder Readymade. Sie werden mit einer positiven Bedeutung belegt und im Wohnraum an einem geeigneten Platz aufgestellt, idealerweise an einem Ort, der seine Aufgabe unterstützt und das Bewusstsein auf das Thema lenkt – das gedankliche Qi dort sammelt. Oft nehmen wir solche Positionierungen unbewusst vor wie zum Beispiel die Fotografie des Partners/der Familie, die auf dem Schreibtisch am Arbeitsplatz steht. Wir bewahren uns so etwas in Gedanken und im alltäglichen Bewusstsein.


Thoughts create reality.


Und so lässt sich das Aufstellen eines affirmativen Objektes als ein persönliches Ritual verstehen, seine Aufmerksamkeit auf einen Lebensbereich zu lenken, an dem wir arbeiten möchten, den wir aktiv gestalten wollen. Wenn die Gedanken die Realität erschaffen, so richtet sich diese affirmative Kreativität auf die Manifestation in folgenden beispielhaften Lebensbereichen:

Feng Shui für Liebe und Partnerschaft

Wenn das Single-Dasein unerfüllend ist oder die Partnerschaft unharmonisch verläuft, lässt sich der Geist SHEN mittels eines geeigneten affirmativen Objektes wieder auf das eigene Herz oder das des Partners richten, um hineinspüren zu können, warum es voll und schwer geworden ist. Manchmal reicht ein Ritual, das dieses Bewusstsein schafft, um wieder mit sich im Reinen und allein und alleins sein zu können. Oder um die Position des anderen einnehmen und mit seinen Augen die Ursachen und Dimensionen des gemeinsamen partnerschaftlichen Konflikts sehen zu können – eine Erleichterung für eine verständnisvolle Aussprache und Lösung des Konflikts.

Feng Shui für Kinder und Kreativität

Bislang unerfüllter Kinderwunsch respektive um eigene Projekte in die Reife zu führen braucht gelegentlich schlicht Ruhe, Zeit und Gelassenheit. Ein affirmatives Objekt, ein Ritual des Klarwerdens lässt einen Schritt zurückgehen und gibt Raum für kreative Optionen und Wege, Projekte beharrlich weiter zu verfolgen oder das Feuer der Leidenschaft und Empfängnis in die Erde der Schwangerschaft und Geburt zu bringen: Den Funken des Lebens durch das Lebenstor MINGMEN eintreten zu lassen und beseeltes Leben zu erschaffen.

Feng Shui für Karriere und persönliche Entwicklung

Gleichwohl gelingen solche Herausforderungen am ehesten, die von Widmung und Hingabe geprägt sind. Das kann auch der eigene Karriereweg sein oder der Weg geistigen oder spirituellen Wachstums, eine ganzheitliche Ausbildung der Künste und Reife wie ein Studium im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals einmal gemeint war. Ein affirmatives Objekt kann helfen, sich seiner fachlichen und intellektuellen Ressourcen und persönlichen Stärken bewusst zu werden, um:

  • seinen Marktwert realistisch einschätzen zu können
  • Selbstvertrauen aufzubauen
  • den nächsten Karriereschritt gehen zu können
  • eine schwierige Prüfung zu meistern
  • den nächsten Meilenstein zu erreichen

 

Affirmative Objekte können in diesen genannten und weiteren Lebensbereichen eine kreative Methode sein, um seine Aufmerksamkeit und Konzentration zu bündeln und im Bewusstsein seiner Potentiale und Fähigkeiten die eigene Persönlichkeit weiter zu entfalten.

 

Weitere qualifizierte Inhalte zu authentischen Formen des Feng Shui, Veranstaltungen und Kurse finden Sie im Feng Shui Center Berlin.

 

XU XIN: Das Leere Herz

das leere herz
Frei sein von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – frei von Enge in der Brust

 

Ein Konzept des Daoismus, das mich persönlich stets beeindruckte ist das Leere Herz XU XIN (nicht zu verwechseln mit der Herz-Qi-Schwäche XIN XU). Es ist eines dieser Gedanken, die eher ideeller Natur sind, das heißt wir können dorthin streben, werden aber wohl Zeit unseres Lebens diesen Zustand nicht vollends erreichen. Trotzdem handelt es sich um einen wertvollen Gedanken, die Richtungsweisung einer alltäglichen Geisteshaltung und spirituellen Praxis.


Frei sein von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – um die Resonanz des Geistes SHEN des anderen in seinem Herz spüren zu können.


Wie oft trat jemand in unser Leben, wir waren angetan, entzückt, haben uns verliebt und wollten mehr: Mehr Nähe, mehr Geborgenheit – mehr Gewissheit und Sicherheit. Mehr von allem – mehr ist mehr! Bis hin zur Selbstauflösung und Missachtung der eigenen Bedürfnisse, eher um das Wohlergehen des anderen Sorge tragend als um das eigene.

Vom Feuer der Leidenschaft und Sexualität in die Erde einer harmonischen und sicheren geschlossen Beziehung gehen zu wollen ist ein sehr menschliches, natürliches und richtiges Bedürfnis. Erfüllen sich die Wünsche jedoch nicht oder gibt es Dissonanz der unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnisse, kommt es zum Ungleichgewicht: Zickigkeit, Schnippigkeit, das Einfordern von Verbindlichkeit, Sicherheit, Commitment kommt zum Ausdruck – und resultiert eher in Enge, Vereinnahmung, Erdrückung.

Einschnürung des freien Flusses an Emotionen, Energie – Qi. Blockade und Stagnation machen sich breit und werden spürbar. Das Herz wird schwer und voll – und hat keinen Raum mehr für das Vibrieren der feinen Schwingungen des gemeinsamen Geistes SHEN, der eine schöne Partnerschaft und ihre Beteiligten zum Leuchten bringt.

NSA – no strings attached heißt es in digitalen Kontaktanzeigen und Online-Dating-Profilen so oft. Was steht dem gegenüber? FSA: Full Strings attached – das ganze Programm der Treue, Verbindlichkeit, sich Einlassen auf den anderen, seine Sichtweisen, Bedürfnisse und Marotten. Kurz: Liebe – gemeinsames Weiterentwickeln aus einem Interesse am spirituellen Wachstum des anderen (Morgan Scott Peck: Der wunderbare Weg). Ein sehr schöner, erfüllender Weg.

Doch die Gratwanderung der Gleichzeitigkeit des Bei-sich-seins und Beim-anderen-seins misslingt nur allzu oft: Unrealistische Erwartungen, überhöhte Wahrnehmung des Gegenübers, Selbstaufgabe oder nicht wahrnehmen wollen der eigenen Bedürfnisse und Ansprüche lassen den so hoffnungsvollen Versuch scheitern.

Was bleibt? Das leere Herz als eine spirituelle Übung und Geisteshaltung, eine Metapher für das wahrhafte Bei-Sich-sein, frei von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – attachments, die alte Traumen, Verletzungen und Verlustängste in uns wecken. Leer in diesem Sinne bedeutet kein Mangel, sondern das Potential eines Reichtums an wachen Entdeckungen und kreativen Möglichkeiten auf einer anderen als der konditionierten Ebene der Gewohnheiten und bisher gemachten Erfahrungen.

Leer sein heißt frei sein für wirklich Neues.

 

Ein Gedicht für Uwelino: Empty Heart by Kurt Rees

PANTA RHEI: Alles ist im Fluss – außer der Abfluss (das Unbewusste)

unbewusste
Erde-Wasser-Achse: Das Unbewusste als Ressource des Denkens, Handelns, Fühlen

 

Über das Unbewusste: Ein kleines Missgeschick führt mir einen Traum in Erinnerung, den ich in der Nacht vor Beginn meiner Heilpraktikerausbildung hatte: Mein Küchenfußboden bricht direkt vor der Wohnungstür ein und gibt Einlass in die Räume darunter. Es sind jedoch nicht die Räume der Nachbarwohnung, sondern die der Heilpraktikerschule, die verdunkelt oder blind sind. Es ist ein völlig autarker Raum, ohne Bezug zur Außenwelt, hermetisch in sich geschlossen. Durch den offenen Fußboden erhalte ich einen Einblick.

Dieser Traum berührte und beunruhigte mich – retrospektiv interpretiere ich ihn als Metapher für den Zugang zu unbewußten Ressourcen und Erfahrungen, die das Denken, Handeln, Fühlen beeinflussen, womit man seine Entscheidungen untermauert, auf das man sich bezieht, wenn man Sachverhalte prüft und abwägt. Es ist ein geistiger Reichtum, Dinge von unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und neben pragmatischen oder funktionalen Aspekten auch emotionale und intuitive Zugänge zulassen zu können.

Der Anlass, der mir diesen Traum wieder in Bewusstsein ruft, ist reichlich banal: Ich vergesse, den Wasserhahn abzudrehen, der Abfluss ist seit geraumer Zeit verstopft, das Wasser rinnt während ich konzentriert einen Text verfasse. Ich komme in den Fluss des Schreibens, überwinde diesen einen Moment des Anfangens zu Beginn eines größeren Projektes – bis ich das Plätschern des überlaufenden Spülbeckens höre und der Küchenfußboden unter Wasser steht. Der erste Moment des Schreckens, der den Geist in Aufruhr versetzt wird abgelöst von der Erinnerung an den letzten derartigen Zwischenfall als des nachts ein minderwertiger Panzerschlauch platzte und mich lautes Wasserplätschern aus dem Schlaf riss. Die Sache lief abgesehen von der nächtlichen Wischerei ohne größeren Schaden ab.


Pánta chorei kaì oudèn ménei – Alles fließt und nichts bleibt;

es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.


Der Moment der Angst wird durch Denken überwunden, Erde kontrolliert Wasser – ein Beispiel für das Zusammenspiel zweier Wandlungsphasen: Auf der einen Seite das Wasser mit seiner zugeordneten Emotion der Angst, auf der anderen die Erde, deren geistige Qualität das Denken YI beinhaltet. YI ist ein Seelenaspekt des Geistes SHEN, einer von Fünfen, der verschiedenen Aspekte unseres Geistes repräsentiert. Denken hier, Angst dort, die Achse von Erde und Wasser, ein Konzept der Wandlungsphasen-Akupunktur nach Worsley, einer modernen Tradition der chinesischen Medizin.

WASSER steht neben den klassischen Zuordnungen von Unten, abwärts, sammelnd, Winter, Kälte, Dunkelheit, den Organen Niere und Blase, der besagten Angst aber auch für den Willen ZHI, dem Seelenaspekt des Geistes SHEN im Wasser. Im Wasser werden die Essenzen JING verortet: Feinststoff, den wir teils von unseren Eltern ererbt haben, teils nach der Geburt durch Nahrung und Atmung aufbauen. Es ist unser Potential, das wir auf den Weg mitbekommen haben.

Wasser als physikalisches Medium hat die Eigenschaft, sich den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen, dringt in Ritzen und Spalten ein und sammelt sich in Vertiefungen. Übermäßige Kälte lässt es starr werden, übermäßige Hitze lässt es verflüchtigen. Nur in einem genau definierten Temperaturbereich liegt es als flüssiger Stoff vor, der den Boden befeuchtet und den Pflanzen zur Verfügung steht.

ERDE als Wandlungsphase hingegen steht neben den klassischen Zuordnungen von Mitte, zentrierend, ausgleichend, Spätsommer, Sommerhitze, den Organen Milz und Magen, dem Denken bzw. Intellekt YI und dem übermäßigen Denken, Grübeln, Sorgen auch für die Fähigkeit, sich und andere (er)nähren zu können. Sie repräsentiert Beständigkeit und Beharrlichkeit, Kontinuität und Konzentration. Eine kraftvolle Erde ermöglicht, dem Leben und seinen Herausforderungen angemessen und in Ruhe zu begegnen; aus einer kraftvollen Mitte heraus lassen sich Entscheidungen treffen, die Substanz und Nachhaltigkeit haben. Bedrohungen von außen werden abgehalten und dringen nicht bis ins Innere der eigenen privaten Existenz.

Erde im Sinne von Materie ist ein Medium, in dem Pflanzen wurzeln, gedeihen, Früchte tragen. In den Kapillaren der Erde kann das Wasser aufsteigen, versorgt die Wurzeln der Pflanzen und nährt mit den gelösten Mineralien des Bodens ihren Stoffwechsel. Ihre Blätter werden von von Bakterien und Pilzen zersetzt und als Humus den nachfolgenden Pflanzengenerationen wieder zur Verfügung gestellt. Ein Kreislauf von Werden und Wandeln, Transformation von einem Zustand in einen anderen.

Pánta chorei kaì oudèn ménei ist die knappste Formulierung der Flusslehre Heraklits, der Lehre vom Fluss aller Dinge, die besagt: Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.

Heraklit vergleicht das Sein mit einem Fluss, indem er sagt, niemand könne zweimal in denselben Fluss steigen. Die Flusslehre ist im Zusammenhang mit Heraklits Lehre von der Einheit aller Dinge zu verstehen:

Verbindungen: Ganzes und Nichtganzes, Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Missklang und aus Allem Eins und aus Einem Alles. 

Die Philosophie der sogenannten Vorsokratiker erinnert an Konzepte des chinesischen Daoismus, das DAO – dem großen Einen, das universell Schöpferische (The All) ; die Lehre von YIN und YANG – das große Eine, das die Zehntausend Dinge hervorbringt, die Überwindung des Dualismus in der Einheit von polaren Kräften, die sich ständig zyklisch wandeln und sich einander hervorbringen.

In der Wandundlungsphase WASSER (YIN) gründet sich das Wachstum, entspringt die unermessliche Dynamik der Wandlungsphase HOLZ (frühes YANG) und führt über das FEUER (spätes YANG) in die Reife der ERDE-Wandlungsphase. In der Wandlungsphasenlogik ist es der Moment des Innehaltens, bevor – und zugleich ist er bereits eingetreten – der Prozess der Wandlung merklich ins YIN eintritt. Das YIN entspringt zwar im höchsten YANG, aber tritt erst im frühen YIN der Wandlungsphase METALL in Erscheinung.

Und so sind es auch die verborgenen Ressourcen, auf denen wir uns gründen und aus denen wir auch unsere materielle Existenz entfalten: Das Unbewusste, ein Reservoir an Erlebtem, Eindrücken, Erinnerungen und Erfahrungen, auf das wir nur sporadisch Zugriff in unserem Träumen haben. Die eigene Herkunft, unsere Vorfahren, der Ahnen-Strom des ZHONG QI. Ohne diese Ressourcen wären wir nicht denkbar und komplett.

Veränderung bringt Unsicherheit und Ängste mit sich, deren Überwindung ermöglicht den Wandel und die Reifung.

Sich vertrauensvoll dem Fluss des Lebens hingeben können bedingt gesundes Urvertrauen in sich und seine Fähigkeiten, Kenntnis seiner eigenen Ressourcen, aber auch Annahme seiner Begrenztheit. Dann ist ein nachhaltiges Wirtschaften möglich, das die eigenen Grenzen respektiert und wahrt. Die Kommunikation auf der Achse Erde – Wasser ist dann gewährleistet.

CHINESE NEW YEAR 2015: Harmony is the Most Precious Awareness

harmony calligraphy
Cycle of 60: Harmonie ist das wertvollste Bewusstsein (Obata Harukazu, 1955)

 

In China wird das traditionelle Frühlingsfest zum Jahreswechsel nach dem Mondkalender gefeiert. Das ganze Land ist unterwegs, um Familie und Freunde zu besuchen. Eine wahre Völkerwanderung der Wanderarbeiter und Studenten setzt ein. Man reinigt und schmückt das Haus mit roten Lampions und Papierbändern, beschriftet mit Neujahrssprüchen. Man sendet seine Grüße zum neuen Jahr und den unverheirateten Kindern werden rote Umschläge mit Geld überreicht. Aber auch das Gedenken und die Respekterweisung gegenüber den Ahnen ist wichtig. Die Feierlichkeiten rund um den Jahreswechsel – dem wichtigsten chinesischen Feiertag – werden mit Feuerwerk, Drachen- und Löwentänzen begangen und finden ihren Abschluss mit dem Laternenfest.

Die Sterne stehen gut: Es verspricht weiterhin ein sehr produktives und kreatives Jahr zu werden, aber im Zeichen der Holz-Ziege bzw. des Schafes (山羊 Shānyáng bzw. 羊 Yáng) steht es stärker für Harmonie, Sanftmut und Kooperation. Eine gute Voraussetzung für Versöhnung, Verständnis für andere Standpunkte und Mitgefühl. Die richtige Zeit um private Konflikte beizulegen und emotionalen Ballast loszuwerden. Auch macht es Hoffnung auf eine politische Entschleunigung zahlloser Konflikte, die im letzten Jahr aufflammten.


恭賀新禧 Gōnghèxīnxǐ – Glückwunsch und neue Freude


In diesem Sinne wünsche ich all meinen Patienten Glück, Gesundheit und Gelassenheit und ein harmonisches Jahr der Ziege/Schaf – denn Harmonie ist das wertvollste Bewusstsein.

Diese Botschaft des ehemaligen Gouverneurs der japanischen Präfektur Fukui erreichte mich in Form eines kalligrafierten Rollbildes, das mir in einem Berliner Laden für Ostasiatika begegnete. Ich traf mich mit einem alten Frankfurter Freund, in diesem Gespräch ging es unter anderem über verändertes Bewusstsein. Nach der Verabschiedung drehte ich mich um und sah dieses Rollbild. Seine Mitteilung ist das Exzerpt des ersten Artikels der japanischen 17-Artikel-Verfassung von Prinz Shotuku aus dem Jahre 604 n. Chr. – Obata Harukazu inspirierte dies zu seiner gekonnten Kalligrafie, die er seinem Amtsnachfolger 1955 übergab.

Dieses unscheinbare Ereignis jährt sich zum sechzigsten Mal, ein Zyklus chinesischer Zeitzählung ist damit komplett. Das Jahr der Holz-Ziege kehrt wieder und so ist die Botschaft dieser Kalligrafie gerade heute wieder aktuell.

ACHTSAMKEIT: Happiness …

achtsamkeit
… is having what you want and wanting what you have

 

Zur Achtsamkeit sich selbst gegenüber: Im letzten Jahr durfte ich die persönliche Erfahrung der eigenen Mitte machen – nach jahrelangen metabolischen Beschwerden des Verdauungsapparates und der Leber, ausgelöst durch eine Laktoseintoleranz, die vor etwa 18 Jahren mit Anfang 20 erstmalig auftrat und mich in einem Zustand hielt, den ich heute als off-centered bezeichnen würde. Nun hatte ich meine Ausbildung zu Ende gebracht, das Thema Chinesische Medizin in die Reife geführt und mir als private Erbauung einen kleinen Garten auf dem Lande gegönnt, denn das Gärtnern ist seit Kindheitstagen eines meiner Herzensangelegenheiten. Und um die Kultivierung der Freude sollte es da gehen.

Nach knapp 20 Jahren Großstadt war ich ihr etwas überdrüssig und so zog ich mich die halbe Woche dort zurück und dampfte mein Berliner Alltagsleben auf den Rest der Woche ein. Da ich den Garten noch im Winter erwarb, konnte ich nach Abschluss der Formalitäten bereits zum frühen Holz dieses sehr dynamischen Jahres in die Aktion gehen: Ich wühlte mich die nächsten Monate wie besessen durch das Gründstück, befreite es von Rasenkantensteinen, überdimensionierten Hundehütten, Anbauten und Flüssiggastanks, die den Gemüsegarten verunzierten. Eine ganze Reihe von Sträuchern und Blühpflanzen gelangten über die Wochen dorthin und jedes Samenregal in Bau- und Supermärkten wurde von mir geplündert. Zur Sommersonnenwende war dann das Gestaltungskonzept umgesetzt und der Garten nicht mehr wieder zu erkennen. Zwischendurch erkundete ich die Umgebung mit dem Rad oder drehte größere Runden mit dem Rennrad als der Sommer kam. Ich war ganz bei mir – und in meiner eigenen Mitte. Etwas was ich zuvor nicht kannte und das sich einfach richtig anfühlt: Der Zustand, wie wir gemeint sind.


happiness is having what you want and wanting what you have

Nun weiß ich also, wie es sich anfühlen sollte und was es – für mich persönlich – dafür braucht, um dorthin zu gelangen: Eine Mischung von Erdung durch Gartenarbeit und sportlicher Bewegung, die die Stagnationen auflöst, die das Großstadtleben in seiner Dichte zwangsläufig mit sich bringt. Draußen im Garten, auf Feld und Flur, im Wald und am Wasser kann man in der Natur beobachten, was Wind macht, wie das Yang der Sonne das Eis und den Raureif tauen lässt, der Schatten die Kälte speichert, die Hitze des Sommers die Vegetation verändert, Trockenheit das Yin des Bodens ausdorrt und im Herbst die Dynamik der Bewegung eine entgegengesetzte zum Austreiben des Frühlings ist. Alles was man seit Kindheitstagen kennt und von dem man doch durch das moderne Zivilisationsleben entfremdet ist. Dort draußen kann man in der Stille beobachten, woher die alten Chinesen ihr daoistisches Wissen bezogen – aus der Beobachtung der Natur, dem universellen Lauf der Dinge, dem immer wiederkehrenden Rhythmus von Werden, Erblühen, Reifen und Vergehen.

Und gleichsam dem Beackern einer Scholle entsteht aus dem beständigen Pflügen des inneren Ackers, einer Vorstellung der inneren Alchemie WAIDAN dieser Zustand des in seiner eigenen Mitte Seins, der kein statischer ist, sich jederzeit auch wieder wandeln kann, aber eine Zielsetzung für das Leben bleibt: Der innere Ort an dem man sein möchte, zu dem man hin strebt, um komplett zu sein.