XU XIN: Das Leere Herz

das leere herz
Frei sein von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – frei von Enge in der Brust

 

Ein Konzept des Daoismus, das mich persönlich stets beeindruckte ist das Leere Herz XU XIN (nicht zu verwechseln mit der Herz-Qi-Schwäche XIN XU). Es ist eines dieser Gedanken, die eher ideeller Natur sind, das heißt wir können dorthin streben, werden aber wohl Zeit unseres Lebens diesen Zustand nicht vollends erreichen. Trotzdem handelt es sich um einen wertvollen Gedanken, die Richtungsweisung einer alltäglichen Geisteshaltung und spirituellen Praxis.


Frei sein von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – um die Resonanz des Geistes SHEN des anderen in seinem Herz spüren zu können.


Wie oft trat jemand in unser Leben, wir waren angetan, entzückt, haben uns verliebt und wollten mehr: Mehr Nähe, mehr Geborgenheit – mehr Gewissheit und Sicherheit. Mehr von allem – mehr ist mehr! Bis hin zur Selbstauflösung und Missachtung der eigenen Bedürfnisse, eher um das Wohlergehen des anderen Sorge tragend als um das eigene.

Vom Feuer der Leidenschaft und Sexualität in die Erde einer harmonischen und sicheren geschlossen Beziehung gehen zu wollen ist ein sehr menschliches, natürliches und richtiges Bedürfnis. Erfüllen sich die Wünsche jedoch nicht oder gibt es Dissonanz der unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnisse, kommt es zum Ungleichgewicht: Zickigkeit, Schnippigkeit, das Einfordern von Verbindlichkeit, Sicherheit, Commitment kommt zum Ausdruck – und resultiert eher in Enge, Vereinnahmung, Erdrückung.

Einschnürung des freien Flusses an Emotionen, Energie – Qi. Blockade und Stagnation machen sich breit und werden spürbar. Das Herz wird schwer und voll – und hat keinen Raum mehr für das Vibrieren der feinen Schwingungen des gemeinsamen Geistes SHEN, der eine schöne Partnerschaft und ihre Beteiligten zum Leuchten bringt.

NSA – no strings attached heißt es in digitalen Kontaktanzeigen und Online-Dating-Profilen so oft. Was steht dem gegenüber? FSA: Full Strings attached – das ganze Programm der Treue, Verbindlichkeit, sich Einlassen auf den anderen, seine Sichtweisen, Bedürfnisse und Marotten. Kurz: Liebe – gemeinsames Weiterentwickeln aus einem Interesse am spirituellen Wachstum des anderen (Morgan Scott Peck: Der wunderbare Weg). Ein sehr schöner, erfüllender Weg.

Doch die Gratwanderung der Gleichzeitigkeit des Bei-sich-seins und Beim-anderen-seins misslingt nur allzu oft: Unrealistische Erwartungen, überhöhte Wahrnehmung des Gegenübers, Selbstaufgabe oder nicht wahrnehmen wollen der eigenen Bedürfnisse und Ansprüche lassen den so hoffnungsvollen Versuch scheitern.

Was bleibt? Das leere Herz als eine spirituelle Übung und Geisteshaltung, eine Metapher für das wahrhafte Bei-Sich-sein, frei von Wünschen, Hoffnungen, Anhaftungen – attachments, die alte Traumen, Verletzungen und Verlustängste in uns wecken. Leer in diesem Sinne bedeutet kein Mangel, sondern das Potential eines Reichtums an wachen Entdeckungen und kreativen Möglichkeiten auf einer anderen als der konditionierten Ebene der Gewohnheiten und bisher gemachten Erfahrungen.

Leer sein heißt frei sein für wirklich Neues.

 

Ein Gedicht für Uwelino: Empty Heart by Kurt Rees

Veröffentlicht von

BRUNNENKUPPE

acupuncturist|german heilpraktiker|naturopathic practitioner

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