QUANZHEN: Always calm yet responsive

wandlungsphasen
… and always responsive yet always calm – der menschliche Geist im daoistischen Verständnis der Fünf Wandlungsphasen

 

全真 Quanzhen – Schule der Vollkommenen Wirklichkeit ist eine Form des chinesischen Daoismus. Sie besteht aus einer nördlichen und südlichen Richtung. Begründet wurde sie im 12. Jahrhundert von Wang Chong Yang (1112–1170) als klösterlicher Orden. Auch hier kommen Strömungen und Konzepte des Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus synkretistisch zusammen.

Es handelt sich um einen Lebensweg, der auf Freiheit, Reinheit und Ruhe von Körper und Geist ausgerichtet ist. Die Lehren dieser Richtung des Daoismus sind Teil der Inneren Alchemie NEIDAN. In diesem Kontext wurden auch die Daoyin-Methoden des 返還功 Fan Huan Gong als Technik der körperlichen und geistigen Selbstkultivierung praktiziert wie sie im Rahmen der Woche der Traditionellen Chinesischen Medizin auf diesem Blog vorgestellt wurden.

Zu den Beiträgen und Bildergalerien zum Fan Huan Gong.


Ziel ist die Beherrschung der Leidenschaften – und die soll ganz mechanisch geschehen.


Dieses Zitat der altgriechischen Philosophie der Stoa (Apatheia) entstammt einem Arbeitsblatt aus dem Ethikunterricht meiner Schulzeit. Es blieb als Textfragment in meinem Bewusstsein kleben, ohne dass ich mich an den Kontext erinnern konnte, aus dem es stammt. Es wurde zu einer Art Mantra, das ich mir immer wieder in gewissen Lebenssituationen ins Gedächtnis zurückrief. Der Begriff Ziel impliziert, das es einen Weg dorthin gibt, einen Prozess, den man durchläuft, um dorthin zu gelangen – nichts was sich sofort und plötzlich ändert ließe.

Dieser diffuse Weg zur Berrschung der Leidenschaften (in diesem Kontext nun die Fünf Dinge genannt: irrlichternes Umherschweifen, Unstetigkeit, erschöpfende Sexualität, wertende Geisteshaltung, fehlgeleitete Absichten) erschließt sich mir erst nur stückweise, 20 Jahre später schließt sich der Kreis. Ich finde ihn im Complete Reality Daoismus: Ruhig aber empfänglich die wirren Emotionen eines plärrenden Geistes den übergeordneten Tugenden (Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Weisheit) unterordnen und versuchen, sie wieder in die vom Geist unkonditionierten Zustände zu wandeln. In einer der Quellen des Quanzhen lese ich Folgendes zur Beherrschung der Leidenschaften aus der daoistischen Perspektive:

The five bases (basic essence, basic sense, basic vitality, basic spirit, basic energy) and five things (wandering soul HUN, the bodily soul PO, the earthly vitality, the discriminating mind, the errant intent) are further said to contain, respectively, five virtues and five thieves. The five virtues represent qualities which are held to simultaneously promote social health and personal development. The five thieves are emotions and cravings, called thieves or bandits because their indulgence robs the individual of energy, reason, and inner autonomy. This drainage is held to be the cause of physical and mental decline. Thus the aim of Complete Reality Taoism is to govern the five things by the five bases, and subordinate the five thieves to the five virtues.

 

 

Wendet man diese Begriffe auf das Wandlungsphasen-Modell WU XING an und berücksichtigt die verschiedenen Zyklen dieser modellhaften Vorstellung von Hervorbringung (Konditionierungen), rückwärtiger Hervorbringung (Ursprüngliche Zustände) und Überwältigung (Degeneration der ursprünglichen Zustände sowie der Tugenden zu Emotionen) erhält man ein aufschlussreiches dreidimensionales Modell der Wandlungen menschlichen Denkens, Fühlens, Handelns im Sinne der daoistischen Schule der Vollkommenen Wirklichkeit QUANZHEN.

 

QUELLE: CHANG PO-TUAN: Understanding Reality. A Taoist Alchemical Classic, Translated by Tom Cleary, University of Hawaii Press, 1987

Daoismus: Grundpfeiler der TCM, Teil I

daoismus tcm
Das Ensō – Symbol der Leerheit und Vollendung

 

Drei Lehren prägten Philosophie und Religion der alten Hochkultur China: Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus. In drei Beträgen sollen sie im Hinblick auf die Traditionelle Chinesische Medizin|TCM kurz skizziert werden.

Daoismus: Religion oder Philosophie? 

Der Daoismus ist eine der großen Drei Lehren Chinas, die sein Weltbild und seine Kultur über Jahrhunderte bis heute hinein prägten. Die fünf antiken daoistischen Wissenschaften basieren auf ihm: Kampfkünste, Feng Shui, Qi Gong, Astrologie und Medizin. Auch wirkte er in weite Teile der Gesellschaft und fast in alle Bereiche der Politik, Wirtschaft, Künste, Philosophie und Geographie.

Begriffsklärung Daoismus

道教 Dàojiào – Lehre des Weges: Daoismus leitet sich vom Begriff DAO ab, der schon vor Laozis Werk Daodejing (4. Jhd. v.Chr.) in der chinesischen Philosophie existierte. Er nimmt Stömungen der chinesischen Antike in sich auf, meist Konzepte der Zhou-Zeit (1045-256 v.Chr) wie etwa die Lehren vom Qi, Yin und Yang sowie die Kosmologie von Himmel-Erde-Mensch. Ein zentrales Thema des Daoismus ist die Suche nach Unsterblichkeit. Mittels verschiedener Techniken wie Qigong, (Atem)Meditation, Alchemie und Magie sollte sie erreicht werden, dabei ist sie nicht materiell, sondern als Unsterblichkeit des Geistes zu verstehen. Einer der 僊 Xiān – Unsterblichen war 黃帝 Huángdì – der mythische gelbe Kaiser, dessen Kompendium chinesischer Medizintexte noch bis heute als klassisches Standardwerk der Chinesischen Medizin Gültigkeit behält.


Dào ist allumfassend und meint sowohl die dualistischen Bereiche der materiellen Welt, als auch die transzendenten jenseits der Dualität. Das Dào ist also sowohl ein Prinzip der Immanenz als auch der Transzendenz. […] In seiner transzendenten Funktion, als undifferenzierte Leere ist es die Mutter des Kosmos, als immanentes Prinzip das, was alles durchdringt.


DàoMethode, Prinzip, der rechte Weg, aber mehr im ursprünglichen Sinne das große – schöpferische – Eine, Transzendente, höchste Wirklichkeit und Wahrheit. Es ist unbenennbar, jenseits der Begrenzung aller Begrifflichkeit und tritt nur durch sein Wirken in der Polarität von YIN und YANG in Erscheinung: Dem Gegensatz von Sein und Nicht-Sein, dem Ursprung von Energie und Materie, der durch Wandlung und Bewegung die zehntausend Dinge des Kosmos hervorbringt; ebenso ihre Ordnung und auch die Vereinigung eben dieser Gegensätze. Abstrakt und schwer faßbar, jenseits unserer alltäglichen Vorstellungskraft bleibt es das DAO.

無爲 Wǔwēi wird häuftig als Nicht-Eingreifen oder nicht Nicht-Handeln übersetzt, dies verkürzt seine Bedeutung jedoch recht stark. WUWEI entspricht dem Prinzip der spontanen Handlung ohne großen Kraftaufwand – seine Energie nicht aufbrauchend durch ein Handeln, das gegen den natürlichen Lauf der Dinge und dem Wirken des DAO gerichtet ist. Diese ordnen sich von selbst und gehorchen einer höheren Ordnung, dem DAO. Durch den angestreben reinen und nicht selbstbezogenen Geist soll leeren Herzens ein absichtsloses Handeln möglich sein, das frei von Wünschen, Begierden und Anhaftungen ist.

Daoistische Aspekte in der TCM

Zahlreiche Elemente der Chinesischen Medizin sind daoistischer Herkunft oder Prägung: Die Lehre vom Qi, YIN und YANG, das YI JING, die Kosmologie von Himmel-Erde-Mensch, Techniken des YANGSHENG wie Qi Gong und alchemische Vorstellungen als Techniken der körperlichen und geistigen Selbstkultiverung.

Teils philosophische Naturanschauung, teils Religion ist der Daoismus in seinen antiken Wurzeln authentisch chinesisch und ein gedanklicher Grundpfeiler der Traditionellen Chinesischen Medizin|TCM, auch hier im modernen Westen.

Räuchern: Dem Feuer übergeben

räuchern
Durch Feinstoffliches die Anbindung an die Höhere Ordnung wiederherstellen

 

Reinigende Rituale: Traditionell wurde im deutschsprachigen Raum zu den 12 Rau(ch)nächten mit edlen Harzen, Hölzern und Kräutern Haus und Hof ausgeräuchert. Diese Raunächte stammen aus der Zeit der Kelten, die den Zeitunterschied vom lunaren zum solaren Jahr mit den sogenannten Freinächten ausglichen. Räuchern soll den Raum von stagnierter Energie klären und dadurch das Wohnklima verbessern. Der feinstoffliche Rauch spricht über den Geruchssinn direkt das limbische System an, eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Struktur des menschlichen Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen dient und einen Bezug zu menschlichen Trieben hat.

In vielen Kulturen wird bei religiösen Ritualen geräuchert: Als Opfergabe oder als Botschaft an den Himmel. So schafft der bekannte Weihrauch einen feierlichen und würdevollen Raum der Andacht, desinfiziert gleichzeitig die Luft und verbessert die Akustik. Das enthaltende Incensol wirkt angstlösend und antidepressiv und scheint so dabei behilflich zu sein, sich auf die Höhere Ordnung einstimmen zu können. Auf körperlicher Ebene wirkt das Harz des Weihrauchbaums entzündungshemmend und antirheumatisch und wurde seit jeher im Orient und Occident naturheilkundlich eingesetzt. Im Iran ist bekannt, das das Weihrauchharz bei innerer Anwendung Geist und Verstand stärkt, das Konzentationsvermögen und die Gedächtnisleistung verbessert.

Die Heiligen Drei Könige brachten dem neugeborenen Jesus bekanntermaßen Weihrauch, Gold und Myrrhe dar. Eine Deutung besagt: Weihrauch versinnbildlicht den Neubeginn und die Geburt, das Schöpferische und den Himmel. Gold steht für die Jugend und das Leben; Myrrhe für den Tod, das Vergängliche, das Weltliche und die Erde. Das erinnert an die drei Königreiche der Realität aus der daoistischen Tradition der Chinesischen Medizin: TIAN – der Himmel, REN – der Mensch, DI – die Erde: Wir Sterblichen verbinden das Himmlische und das Irdische durch unser Menschsein. Ein sehr kurzer Exkurs dazu:

  • Die Polaritäten von Himmel und Erde kommen durch die Wirklichkeit menschliches Handelns, Bewusstsein, Rituale und spirituelle Praxis zusammen. TIAN steht für den Himmel, repräsentiert durch das Trigramm ☰ QIAN – das Schöpferische (das größte YANG) und DI für die Erde, repräsentiert durch das Trigramm ☷ KUN – das Empfangende (das größte YIN). Der Wandel zwischen diesen Polen, Werden und Vergehen ist das zentrale Thema des YI JING, dem Klassiker der Wandlungen, dem diese Trigramme entstammen.
  • Schöpfen und Empfangen, Transformation und Nährung des geistigen Selbst sind auch Themen des Prozesses der inneren Alchemie NEIDAN, der im Gegensatz zur äußeren Alchemie und dem stofflichen Nähren des physischen Köpers steht.

Das Räuchern mittels der transformativen Kraft des Feuers lässt sich als ein Ritual der Wandlung und Übergabe einer irdisch-stofflichen Substanz an die immaterielle Qualität des Himmels deuten. Es unterstützt beim Versuch, sich als spiritueller Mensch aus den gelegentlich trüben Widrigkeiten des Alltags zu den immerwährenden, übergeordneten Wirklichkeiten und Bestimmungen der Höheren Ordnung, dem DAO zu erheben.

 

Meine persönliche Erfahrung mit dem Räuchern und seinen positiven Effekten machte ich während meiner Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung: Nach zwei Jahren Ausbildung sowie einer längeren Fortbildungsreise nach Thailand, die mich als Abschluss zu einer buddhistischen Segnung auf die oberste Ebene des Tempels von Angkor Thom in Kambodscha führte, schloss ich mich 10 Wochen mit all meinen Lernkarten und Prüfungsunterlagen ein und stopfte, was in den Kopf reinging. Für mich galt es nach satten zwei Jahren die westliche Physiologie und die Betonung der Pathologie durch diese unsägliche Amtsarztprüfung hinter sich zu lassen, um sich voll und ganz auf das konzentrieren zu können, womit ich mich eigentlich beschäftigen wollte: Die Traditionelle Chinesische Medizin als eine ganzheitlich-alternative Perspektive auf Mensch, Gesundheit, Wachstum und Wandlung.


以及 Yǐjí – Sowohl … als auch.


Und so geriet diese Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung für mich zu einem persönlichen Initiationsritus: Die Schwelle vom kausal-analytischen Denken unserer abendländischen Tradition zur synkretistisch-vernetzten Pluralität einer Medizin nach chinesischer Art und Weise. Den Weg bereitete die heilsame Wirkung des Weihrauchharzes, das mein Vater von einer Reise aus dem Jemen mitbrachte …

PANTA RHEI: Alles ist im Fluss – außer der Abfluss (das Unbewusste)

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Erde-Wasser-Achse: Das Unbewusste als Ressource des Denkens, Handelns, Fühlen

 

Über das Unbewusste: Ein kleines Missgeschick führt mir einen Traum in Erinnerung, den ich in der Nacht vor Beginn meiner Heilpraktikerausbildung hatte: Mein Küchenfußboden bricht direkt vor der Wohnungstür ein und gibt Einlass in die Räume darunter. Es sind jedoch nicht die Räume der Nachbarwohnung, sondern die der Heilpraktikerschule, die verdunkelt oder blind sind. Es ist ein völlig autarker Raum, ohne Bezug zur Außenwelt, hermetisch in sich geschlossen. Durch den offenen Fußboden erhalte ich einen Einblick.

Dieser Traum berührte und beunruhigte mich – retrospektiv interpretiere ich ihn als Metapher für den Zugang zu unbewußten Ressourcen und Erfahrungen, die das Denken, Handeln, Fühlen beeinflussen, womit man seine Entscheidungen untermauert, auf das man sich bezieht, wenn man Sachverhalte prüft und abwägt. Es ist ein geistiger Reichtum, Dinge von unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und neben pragmatischen oder funktionalen Aspekten auch emotionale und intuitive Zugänge zulassen zu können.

Der Anlass, der mir diesen Traum wieder in Bewusstsein ruft, ist reichlich banal: Ich vergesse, den Wasserhahn abzudrehen, der Abfluss ist seit geraumer Zeit verstopft, das Wasser rinnt während ich konzentriert einen Text verfasse. Ich komme in den Fluss des Schreibens, überwinde diesen einen Moment des Anfangens zu Beginn eines größeren Projektes – bis ich das Plätschern des überlaufenden Spülbeckens höre und der Küchenfußboden unter Wasser steht. Der erste Moment des Schreckens, der den Geist in Aufruhr versetzt wird abgelöst von der Erinnerung an den letzten derartigen Zwischenfall als des nachts ein minderwertiger Panzerschlauch platzte und mich lautes Wasserplätschern aus dem Schlaf riss. Die Sache lief abgesehen von der nächtlichen Wischerei ohne größeren Schaden ab.


Pánta chorei kaì oudèn ménei – Alles fließt und nichts bleibt;

es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.


Der Moment der Angst wird durch Denken überwunden, Erde kontrolliert Wasser – ein Beispiel für das Zusammenspiel zweier Wandlungsphasen: Auf der einen Seite das Wasser mit seiner zugeordneten Emotion der Angst, auf der anderen die Erde, deren geistige Qualität das Denken YI beinhaltet. YI ist ein Seelenaspekt des Geistes SHEN, einer von Fünfen, der verschiedenen Aspekte unseres Geistes repräsentiert. Denken hier, Angst dort, die Achse von Erde und Wasser, ein Konzept der Wandlungsphasen-Akupunktur nach Worsley, einer modernen Tradition der chinesischen Medizin.

WASSER steht neben den klassischen Zuordnungen von Unten, abwärts, sammelnd, Winter, Kälte, Dunkelheit, den Organen Niere und Blase, der besagten Angst aber auch für den Willen ZHI, dem Seelenaspekt des Geistes SHEN im Wasser. Im Wasser werden die Essenzen JING verortet: Feinststoff, den wir teils von unseren Eltern ererbt haben, teils nach der Geburt durch Nahrung und Atmung aufbauen. Es ist unser Potential, das wir auf den Weg mitbekommen haben.

Wasser als physikalisches Medium hat die Eigenschaft, sich den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen, dringt in Ritzen und Spalten ein und sammelt sich in Vertiefungen. Übermäßige Kälte lässt es starr werden, übermäßige Hitze lässt es verflüchtigen. Nur in einem genau definierten Temperaturbereich liegt es als flüssiger Stoff vor, der den Boden befeuchtet und den Pflanzen zur Verfügung steht.

ERDE als Wandlungsphase hingegen steht neben den klassischen Zuordnungen von Mitte, zentrierend, ausgleichend, Spätsommer, Sommerhitze, den Organen Milz und Magen, dem Denken bzw. Intellekt YI und dem übermäßigen Denken, Grübeln, Sorgen auch für die Fähigkeit, sich und andere (er)nähren zu können. Sie repräsentiert Beständigkeit und Beharrlichkeit, Kontinuität und Konzentration. Eine kraftvolle Erde ermöglicht, dem Leben und seinen Herausforderungen angemessen und in Ruhe zu begegnen; aus einer kraftvollen Mitte heraus lassen sich Entscheidungen treffen, die Substanz und Nachhaltigkeit haben. Bedrohungen von außen werden abgehalten und dringen nicht bis ins Innere der eigenen privaten Existenz.

Erde im Sinne von Materie ist ein Medium, in dem Pflanzen wurzeln, gedeihen, Früchte tragen. In den Kapillaren der Erde kann das Wasser aufsteigen, versorgt die Wurzeln der Pflanzen und nährt mit den gelösten Mineralien des Bodens ihren Stoffwechsel. Ihre Blätter werden von von Bakterien und Pilzen zersetzt und als Humus den nachfolgenden Pflanzengenerationen wieder zur Verfügung gestellt. Ein Kreislauf von Werden und Wandeln, Transformation von einem Zustand in einen anderen.

Pánta chorei kaì oudèn ménei ist die knappste Formulierung der Flusslehre Heraklits, der Lehre vom Fluss aller Dinge, die besagt: Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.

Heraklit vergleicht das Sein mit einem Fluss, indem er sagt, niemand könne zweimal in denselben Fluss steigen. Die Flusslehre ist im Zusammenhang mit Heraklits Lehre von der Einheit aller Dinge zu verstehen:

Verbindungen: Ganzes und Nichtganzes, Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Missklang und aus Allem Eins und aus Einem Alles. 

Die Philosophie der sogenannten Vorsokratiker erinnert an Konzepte des chinesischen Daoismus, das DAO – dem großen Einen, das universell Schöpferische (The All) ; die Lehre von YIN und YANG – das große Eine, das die Zehntausend Dinge hervorbringt, die Überwindung des Dualismus in der Einheit von polaren Kräften, die sich ständig zyklisch wandeln und sich einander hervorbringen.

In der Wandundlungsphase WASSER (YIN) gründet sich das Wachstum, entspringt die unermessliche Dynamik der Wandlungsphase HOLZ (frühes YANG) und führt über das FEUER (spätes YANG) in die Reife der ERDE-Wandlungsphase. In der Wandlungsphasenlogik ist es der Moment des Innehaltens, bevor – und zugleich ist er bereits eingetreten – der Prozess der Wandlung merklich ins YIN eintritt. Das YIN entspringt zwar im höchsten YANG, aber tritt erst im frühen YIN der Wandlungsphase METALL in Erscheinung.

Und so sind es auch die verborgenen Ressourcen, auf denen wir uns gründen und aus denen wir auch unsere materielle Existenz entfalten: Das Unbewusste, ein Reservoir an Erlebtem, Eindrücken, Erinnerungen und Erfahrungen, auf das wir nur sporadisch Zugriff in unserem Träumen haben. Die eigene Herkunft, unsere Vorfahren, der Ahnen-Strom des ZHONG QI. Ohne diese Ressourcen wären wir nicht denkbar und komplett.

Veränderung bringt Unsicherheit und Ängste mit sich, deren Überwindung ermöglicht den Wandel und die Reifung.

Sich vertrauensvoll dem Fluss des Lebens hingeben können bedingt gesundes Urvertrauen in sich und seine Fähigkeiten, Kenntnis seiner eigenen Ressourcen, aber auch Annahme seiner Begrenztheit. Dann ist ein nachhaltiges Wirtschaften möglich, das die eigenen Grenzen respektiert und wahrt. Die Kommunikation auf der Achse Erde – Wasser ist dann gewährleistet.