Räuchern: Dem Feuer übergeben

räuchern
Durch Feinstoffliches die Anbindung an die Höhere Ordnung wiederherstellen

 

Reinigende Rituale: Traditionell wurde im deutschsprachigen Raum zu den 12 Rau(ch)nächten mit edlen Harzen, Hölzern und Kräutern Haus und Hof ausgeräuchert. Diese Raunächte stammen aus der Zeit der Kelten, die den Zeitunterschied vom lunaren zum solaren Jahr mit den sogenannten Freinächten ausglichen. Räuchern soll den Raum von stagnierter Energie klären und dadurch das Wohnklima verbessern. Der feinstoffliche Rauch spricht über den Geruchssinn direkt das limbische System an, eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Struktur des menschlichen Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen dient und einen Bezug zu menschlichen Trieben hat.

In vielen Kulturen wird bei religiösen Ritualen geräuchert: Als Opfergabe oder als Botschaft an den Himmel. So schafft der bekannte Weihrauch einen feierlichen und würdevollen Raum der Andacht, desinfiziert gleichzeitig die Luft und verbessert die Akustik. Das enthaltende Incensol wirkt angstlösend und antidepressiv und scheint so dabei behilflich zu sein, sich auf die Höhere Ordnung einstimmen zu können. Auf körperlicher Ebene wirkt das Harz des Weihrauchbaums entzündungshemmend und antirheumatisch und wurde seit jeher im Orient und Occident naturheilkundlich eingesetzt. Im Iran ist bekannt, das das Weihrauchharz bei innerer Anwendung Geist und Verstand stärkt, das Konzentationsvermögen und die Gedächtnisleistung verbessert.

Die Heiligen Drei Könige brachten dem neugeborenen Jesus bekanntermaßen Weihrauch, Gold und Myrrhe dar. Eine Deutung besagt: Weihrauch versinnbildlicht den Neubeginn und die Geburt, das Schöpferische und den Himmel. Gold steht für die Jugend und das Leben; Myrrhe für den Tod, das Vergängliche, das Weltliche und die Erde. Das erinnert an die drei Königreiche der Realität aus der daoistischen Tradition der Chinesischen Medizin: TIAN – der Himmel, REN – der Mensch, DI – die Erde: Wir Sterblichen verbinden das Himmlische und das Irdische durch unser Menschsein. Ein sehr kurzer Exkurs dazu:

  • Die Polaritäten von Himmel und Erde kommen durch die Wirklichkeit menschliches Handelns, Bewusstsein, Rituale und spirituelle Praxis zusammen. TIAN steht für den Himmel, repräsentiert durch das Trigramm ☰ QIAN – das Schöpferische (das größte YANG) und DI für die Erde, repräsentiert durch das Trigramm ☷ KUN – das Empfangende (das größte YIN). Der Wandel zwischen diesen Polen, Werden und Vergehen ist das zentrale Thema des YI JING, dem Klassiker der Wandlungen, dem diese Trigramme entstammen.
  • Schöpfen und Empfangen, Transformation und Nährung des geistigen Selbst sind auch Themen des Prozesses der inneren Alchemie NEIDAN, der im Gegensatz zur äußeren Alchemie und dem stofflichen Nähren des physischen Köpers steht.

Das Räuchern mittels der transformativen Kraft des Feuers lässt sich als ein Ritual der Wandlung und Übergabe einer irdisch-stofflichen Substanz an die immaterielle Qualität des Himmels deuten. Es unterstützt beim Versuch, sich als spiritueller Mensch aus den gelegentlich trüben Widrigkeiten des Alltags zu den immerwährenden, übergeordneten Wirklichkeiten und Bestimmungen der Höheren Ordnung, dem DAO zu erheben.

 

Meine persönliche Erfahrung mit dem Räuchern und seinen positiven Effekten machte ich während meiner Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung: Nach zwei Jahren Ausbildung sowie einer längeren Fortbildungsreise nach Thailand, die mich als Abschluss zu einer buddhistischen Segnung auf die oberste Ebene des Tempels von Angkor Thom in Kambodscha führte, schloss ich mich 10 Wochen mit all meinen Lernkarten und Prüfungsunterlagen ein und stopfte, was in den Kopf reinging. Für mich galt es nach satten zwei Jahren die westliche Physiologie und die Betonung der Pathologie durch diese unsägliche Amtsarztprüfung hinter sich zu lassen, um sich voll und ganz auf das konzentrieren zu können, womit ich mich eigentlich beschäftigen wollte: Die Traditionelle Chinesische Medizin als eine ganzheitlich-alternative Perspektive auf Mensch, Gesundheit, Wachstum und Wandlung.


以及 Yǐjí – Sowohl … als auch.


Und so geriet diese Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung für mich zu einem persönlichen Initiationsritus: Die Schwelle vom kausal-analytischen Denken unserer abendländischen Tradition zur synkretistisch-vernetzten Pluralität einer Medizin nach chinesischer Art und Weise. Den Weg bereitete die heilsame Wirkung des Weihrauchharzes, das mein Vater von einer Reise aus dem Jemen mitbrachte …

FEUER, DAS DIE ERDE NICHT NÄHRT … (Diplom Agtcm, 2014)

diplomarbeit
… FÜLLE IM PERIKARD, LEERE IM LEBEN: Ein Versuch zu Sexuellem Suchtverhalten

 

Die Diplom-Arbeit als Akupunkteur an der Shou Zhong, Berlin nun als eBook erhältlich: Sexuelle Suchtstörung unter der Betrachtungsfolie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). 

Seit Beginn der Ausbildung beschäftigt mich eine Beobachtung: Menschen, die diese sehr yangige Fähigkeit besitzen, schnell und viele soziale Kontakte zu knüpfen, in Gruppen die Funktion von sozialem Bindemittel übernehmen und Netzwerke aufbauen, im Leben jedoch unstet und flüchtig wirken, Projekte nicht in die Reife führen und genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Feuer, das die Erde nicht nährt – lässt sich dieses Phänomen in der TCM-Theorie verorten oder sogar im Pulsbild ertasten? Ist dies eine Pathologie des Feuerelements? Wenn dem so ist, wodurch wird sie bedingt und welche Strategien ließen sich therapeutisch in Erwägung ziehen? Was sind die psycho-emotionalen Aspekte dieses Themas? Was sind die psychosomatischen Implikationen einer schwachen Mitte im Hinblick auf das Feuerelement? In einer konzeptionellen Materialsammlung sollen diese Fragestellungen in Perspektive auf immaterielles Suchtverhalten untersucht werden.


Leseprobe: Sexualität

Die sexuelle Energie wird als Wind des Geistes SHEN FENG beschrieben und ist ein Weg, um YIN und YANG zu verbinden, es kann die Energie für Erneuerung und Wiedergeburt sein, aber auch erschöpfend und leer. Es ist eine medizinische Methode, um das QI und XUE zu tonisieren, die QI-Zirkulation anzuregen und das JING zu stärken. Sex ist Ort des Kontrollverlusts, in dem der Wandlungsphasenlogik nach das Potential des Wassers Kraft des Holzes ins Feuer fließen gelassen werden kann. Sehr oft jedoch verselbständigt sich die Holzdynamik des ministeriellen Feuers und gelangt nicht ins Herrscherfeuer, das Herz wird nicht gewärmt, sondern die Dynamik verraucht in blanker Triebbefriedigung und Dampfablassen. Dabei ist für manche der Orgasmus ein elektrisierender Moment nahe der Erleuchtung bzw. dem kosmischen SHEN und der höheren Ordnung.

Sexualität ist in ihrem Wesen ambivalent. Sie kann sich einerseits in Liebe entfalten, die das Interesse am spirituellen Wachstum des Anderen bedeutet, sie kann das leidenschaftliche Feuer der Hingabe darstellen, das die Erde nährt und liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen wachsen und reifen lässt sowie Kinder oder Projekte in die Reife führt. Andererseits kann sie die destruktiven Abgründe menschlicher Triebe und Instinkte auftun, Selbstzerstörung und –verachtung aus einem Gefühl geringer Selbstwertschätzung und mangelnder Integration eigener Schattenanteile bedeuten. Sie kann Mittel zum Zweck sein, sich in eine Opferrolle zu begeben.

Laut Hammer wird eine erwachsene Sexualität durch die Perikard-Funktion derVereinigung geistiger (Herz) und genitaler Liebe (Leber/Niere) über die freie, offene Passage des Mittleren JIAO (Milz) möglich: Der Bote, der Freude bringt.


 

Ebook auf Amazon.de kaufen