Konfuzianismus: Grundpfeiler der TCM, Teil II

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Konfuzius aka Kongzi: Meister Kong

 

Drei Lehren prägten Philosophie und Religion der alten Hochkultur China: Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus. In drei Beträgen sollen sie im Hinblick auf die Traditionelle Chinesische Medizin|TCM kurz skizziert werden.

Konfuzianismus: Im Wiederstreit mit dem Daoismus

Chinas Geschichte und Kultur ist vom Ringen um die Vorherrschaft von Konfuzianismus und Daoismus geprägt. Auf Perioden konfuzianischer Gelehrsamkeit folgten Phasen der Rückbesinnung auf daoistische Naturbeobachtung.

Begriffsklärung Konfuzianismus

孔子 Kǒng zǐ (551- 479 v. Chr.) wurde als Sohn eines verarmten adeligen Heerführers geboren und genoss eine sehr gute Erziehung. Er war Kind einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruches und Verschiebung der Machtverhältnisse, die vom Streben nach Ruhe, Ordnung und Sicherheit gekennzeichnet war. Kongzi war als Lehrer und Berater tätig, zeitweise bekleidete er auch das Amt eines Ministers seines Heimatstaates Lu. Er ging ins Exil und zog nach seiner Rückkehr mit seinen Schülern umher und traf auch auf Laozi, dem Begründer des Daoismus. Nach seinem Tod erhielt er höchste staatliche Ehren und die Würde eines chinesischen Kaisers sowie die Gleichstellung mit Gottheiten.


Lernen ohne zu denken ist sinnlos; aber denken ohne zu lernen ist gefährlich.


儒家思想 KonfuzianismusIdeen der Anhänger der Schule der Gelehrten. Diese ist geprägt durch die moralische Lehren und mustergültige Lebensweise ihres Begründers Kongzi (Meister Kong – Konfuzius). So sei zur Wahrung der Ordnung im Staate die durch Besonnenheit und Mitgefühl geprägte eigene Lebensweise von Bedeutung, die Achtung vor anderen Menschen und die Ahnenverehrung ist nach den Vorstellungen seiner Lehre von größter Wichtigkeit, ebenso das gelehrsame Studium Vorraussetzung für das Verständnis der Ordnung von Himmel, Erde, Mensch –  die Harmonie des Universums ist einer der Grundbegriffe des Konfuzianismus. Die Harmonie geht dabei den Weg vom Kleinen zum Großen:


Verhalte ich mich korrekt, ist die Familie in Harmonie. Wenn die Familien in Harmonie sind, ist es auch das Dorf. Sind die Dörfer in Harmonie, ist es auch die Provinz. Sind die Provinzen in Harmonie, dann ist es auch das Reich. Sind die Reiche in Harmonie, dann ist es auch der Kosmos.


Wichtige Aspekte des Konfuzianismus sind:

  • 五常 Wǔ cháng – Fünf Konstanten oder Kardinaltugenden: Weisheit, Aufrichtigkeit, Sittlichkeit (Ritueller Anstand), Menschlichkeit, Gerechtigkeit als Grundvorraussetzung für das geordnete Miteinander im Staat
  • Drei soziale Pflichten: Loyalität, Verehrung der Eltern, Wahrung von Anstand und Sitte (Beachtung der gesellschaftlichen Etikette, korrekte Ausführung der Riten, moralische Angemessenheit und sittliches Verhalten des Einzelnen im gesamtgesellschaftlichen Beziehungsnetzwerk)
  • 五伦 Wǔ lún – Fünf Menschliche Elementarbeziehungen in Sinne von hierarchischen Verhältnissen der Überordnung von Vater und Sohn, Herrscher und Untertan, Eheman und Ehefrau, älterer Bruder und jüngerer Bruder sowie Freund und Freund (als einzige Beziehung zwischen Gleichrangigen)

Kongzi’s humanistische Lehren prägten durch zahlreiche geschichtliche Brüche den gesamten ostasiatischen Raum, standen oft am Beginn gesellschaftlicher Neurorientierung und wurden auch im modernen China nach Kritik durch Intellektuelle zu Beginn des 20. Jhr. und Verteufelung durch Mao Zedong während der kommunistischen Kulturrevolution später wieder als Staatsdoktrin instumentalisiert. Ganz im Sinne des typisch chinesischen Synkretismus ist der Konfuzianismus eine Lehre unter anderen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern ergänzen.

Konfuzianistische Aspekte in der TCM

12 Beamte: Der menschliche Körper als perfekt organisiertes Staatswesen, die einzelnen Körperfunktionen entsprechen dabei Aufgaben im gesamten Gemeinwesen: Der Kaiser (Herz), seine Minister und Palastwachen (Dünndarm, Perikard, Dreifacherwärmer), der General (Leber) der Streitmächte, die Verwaltungsbeamte der Kornkammern (Milz und Magen) und so weiter.

Fünf Tugenden und ihre Bedeutung für das Staatswesen Mensch durch Wahrung der Sittlichkeit und angemessene Lebensführung – ein älteres Konzept des Daoismus, das durch Mengzi im 4. Jhd. v. Chr. übernommen und verfeinert wurde und sich auch in der Haltung der chinesischen Medizin widerspiegelt.

Fünf Wandlungen: Die Zuordnung der Himmelsrichtungen (Ost, Süd, Mitte, West, Nord) und der Familienbeziehungen (jüngerer Bruder, jüngere Schwester, Mutter, Vater, älterer Bruder) zu den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser – einem daoistischen Konzept – stammt aus der konfuzianischen Perspektive.

QUANZHEN: Always calm yet responsive

wandlungsphasen
… and always responsive yet always calm – der menschliche Geist im daoistischen Verständnis der Fünf Wandlungsphasen

 

全真 Quanzhen – Schule der Vollkommenen Wirklichkeit ist eine Form des chinesischen Daoismus. Sie besteht aus einer nördlichen und südlichen Richtung. Begründet wurde sie im 12. Jahrhundert von Wang Chong Yang (1112–1170) als klösterlicher Orden. Auch hier kommen Strömungen und Konzepte des Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus synkretistisch zusammen.

Es handelt sich um einen Lebensweg, der auf Freiheit, Reinheit und Ruhe von Körper und Geist ausgerichtet ist. Die Lehren dieser Richtung des Daoismus sind Teil der Inneren Alchemie NEIDAN. In diesem Kontext wurden auch die Daoyin-Methoden des 返還功 Fan Huan Gong als Technik der körperlichen und geistigen Selbstkultivierung praktiziert wie sie im Rahmen der Woche der Traditionellen Chinesischen Medizin auf diesem Blog vorgestellt wurden.

Zu den Beiträgen und Bildergalerien zum Fan Huan Gong.


Ziel ist die Beherrschung der Leidenschaften – und die soll ganz mechanisch geschehen.


Dieses Zitat der altgriechischen Philosophie der Stoa (Apatheia) entstammt einem Arbeitsblatt aus dem Ethikunterricht meiner Schulzeit. Es blieb als Textfragment in meinem Bewusstsein kleben, ohne dass ich mich an den Kontext erinnern konnte, aus dem es stammt. Es wurde zu einer Art Mantra, das ich mir immer wieder in gewissen Lebenssituationen ins Gedächtnis zurückrief. Der Begriff Ziel impliziert, das es einen Weg dorthin gibt, einen Prozess, den man durchläuft, um dorthin zu gelangen – nichts was sich sofort und plötzlich ändert ließe.

Dieser diffuse Weg zur Berrschung der Leidenschaften (in diesem Kontext nun die Fünf Dinge genannt: irrlichternes Umherschweifen, Unstetigkeit, erschöpfende Sexualität, wertende Geisteshaltung, fehlgeleitete Absichten) erschließt sich mir erst nur stückweise, 20 Jahre später schließt sich der Kreis. Ich finde ihn im Complete Reality Daoismus: Ruhig aber empfänglich die wirren Emotionen eines plärrenden Geistes den übergeordneten Tugenden (Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Weisheit) unterordnen und versuchen, sie wieder in die vom Geist unkonditionierten Zustände zu wandeln. In einer der Quellen des Quanzhen lese ich Folgendes zur Beherrschung der Leidenschaften aus der daoistischen Perspektive:

The five bases (basic essence, basic sense, basic vitality, basic spirit, basic energy) and five things (wandering soul HUN, the bodily soul PO, the earthly vitality, the discriminating mind, the errant intent) are further said to contain, respectively, five virtues and five thieves. The five virtues represent qualities which are held to simultaneously promote social health and personal development. The five thieves are emotions and cravings, called thieves or bandits because their indulgence robs the individual of energy, reason, and inner autonomy. This drainage is held to be the cause of physical and mental decline. Thus the aim of Complete Reality Taoism is to govern the five things by the five bases, and subordinate the five thieves to the five virtues.

 

 

Wendet man diese Begriffe auf das Wandlungsphasen-Modell WU XING an und berücksichtigt die verschiedenen Zyklen dieser modellhaften Vorstellung von Hervorbringung (Konditionierungen), rückwärtiger Hervorbringung (Ursprüngliche Zustände) und Überwältigung (Degeneration der ursprünglichen Zustände sowie der Tugenden zu Emotionen) erhält man ein aufschlussreiches dreidimensionales Modell der Wandlungen menschlichen Denkens, Fühlens, Handelns im Sinne der daoistischen Schule der Vollkommenen Wirklichkeit QUANZHEN.

 

QUELLE: CHANG PO-TUAN: Understanding Reality. A Taoist Alchemical Classic, Translated by Tom Cleary, University of Hawaii Press, 1987