TRIAL’N ERROR: Mythen moderner Ernährung, Teil I

vollwertkost
Mythos rohe Lebensmittel: Was damit anstellen?

 

Ernährung ist ein Buch mit sieben Siegeln und gelegentlich ein Fass ohne Boden – wenn man zu einem bestimmten Thema im Internet recherchiert: Jeder hat dazu eine Meinung – weil es jeder täglich tut und somit auch ein Experte ist. Denn jeder hat seine Erfahrungen damit gemacht – bewusst oder unbewusst haben wir im Laufe der Zeit unsere vertrauten Ernährungsgewohnheiten etabliert. Im Folgenden möchte ich meine Beobachtungen und Gedanken zu verschieden Aspekten moderner Ernährung im Kontext der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) anführen – aus ganz persönlicher Sicht und Erfahrung, ohne Anspruch auf Wahrheit und Absolutheit. Eher ein Anstoss, zu beobachten und hinein zu spüren, wie Nahrung subjektiv auf einen selbst wirkt – jenseits von Dogmen und gängigen Mythen. Eine kleine Serie in drei Teilen.

Vollwertkost

Die Idee, das ganze Korn mit seiner Schale und damit mit all seinen Nährstoffen, Mineralien und Spurenelementen zu verwenden ist an sich eine sehr gute und sinnige. Zu beachten bleibt die Zubereitungsweise von vollwertigem Getreide: Backen transformiert das volle Getreide nur unvollständig, Kochen übernimmt einen großen Teil der benötigten Verdauungsleistung.

So ist eine Dinkelpizza ist aus ernährungsphysiologischer Sicht unbestritten mehr wert als eine aus Weizenauszugsmehl. Jedoch muss das Verdauungsfeuer und das Magen-Qi sehr stark sein, um den aus Vollkornmehl gebackenen Teig aufspalten und verdauen zu können. Ist es tendenziell schwach, wird es die Mitte überlasten und eher Schleim im Mittleren Erwärmer produzieren: Müdigkeit nach dem Essen, Antriebslosigkeit am nächsten Morgen, Schläfrigkeit des Geistes, eventuell Melancholie und depressive Verstimmung können die Folge sein.

 

schrotbrei
Transformation durch Feuer: Ein nahrhafter und bekömmlicher Schrotbrei

 

Besser ist es hingegen, einen Getreideschrotbrei aus vollem Korn zu kochen. Der Kochvorgang bereitet die Nahrung optimal auf die Resorption im Darm vor und auch ein schwaches Verdauungsfeuer wird diese Aufgabe leisten können, um von den zahlreichen Inhaltsstoffen des kompletten Korns profitieren zu können. Dazu mischt man verschiedene Getreidesorten, schrotet sie in einer Mühle fein und kocht sie mit geraspeltem Wurzelgemüse (Knollensellerie, Karotten, Pastinaken) und Brühe 10 Minuten auf kleiner Flamme. Das Einweichen des Getreideschrots über Nacht und beginnende enzymatische Fermentation begünstigen die Aufspaltung und machen es wesentlich leichter bekömmlich als das klassische Müsli, das in kalter Milch eingeweicht wird.

Rohkost

Das Konzept, hauptsächlich pflanzliche Kost roh und möglichst unverarbeitet oder nicht gekocht zu sich zunehmen erscheint hinsichtlich des eher kühl-feuchten kontinentaleuropäischen Klimas im deutschsprachigen Raum als fragwürdig. Die äußeren pathogenen (krankmachenden) Faktoren Kälte und Nässe werden durch den inneren krankmachenden Faktor Feuchtigkeit ergänzt, es kommt zu Feuchtigkeitspathologien: Stagnation der Zirkulation von Qi (Energie) und Xue (Blut), Akkumulation von Feuchtigkeit im mittleren Erwärmer (Milz und Magen), Absenken der chronischen Nässe in den unteren Erwärmer (Niere und Harnblase), Verdichtung der Feuchtigkeit zu zähem Schleim, eventuell eine Kombination von Feuchtigkeit und Hitze aus anderer Genese zu Hitzeschleim.

Wem chronische kalte Füße, allgemeines Frösteln und Gefühl von Kälte, Blähungen und  wässriger Stuhl bekannt sind, sollte seine Position zu Rohkost eventuell nochmal überdenken – denn sie könnte eventuell einen Beitrag zu diesem Zustand geleistet haben oder eine bestehende Schwäche verstärken.

Sozialisiert in den 1980ern, in denen die Rohkostbewegung an Fahrt aufnahm und Salate sowie Rohkostplatten als gesund galten, musste ich für mich leider feststellen, daß sich mit ausschließlicher Rohkost das YANG (die wärmenden Aspekte und somit das Verdauungsfeuer) des Körpers derart schwächen lässt, so daß man Jahre damit beschäftigt ist, dieses diätische Fehlverhalten wieder auszugleichen.

Wem am Vitamingehalt seiner Nahrung gelegen ist, kauft regionales Gemüse in Bioqualität, kocht es kurz in wenig Wasser auf Biss und bereitet seine Speisen möglichst frisch zu. Das westliche Thema der Vitamine ist dem traditionellen chinesischen Denken allerdings fremd – dort geht es um Bekömmlichkeit und eine mögliche Fülle von wärmendem Qi aus der Nahrung, das das Verdauungsfeuer – gleichsam einem Kessel über dem Holzfeuer – am Laufen hält und die Mitte nährt, das heißt die Funktionskreise Milz und Magen in ihrer physiologischen Arbeit des Transportes, der Transformation und Integration möglichst unterstützt.

 

So erscheint Mischkost im Verhältnis 60/40 (Kochkost/Rohkost) als die für unsere Breitengrade passendere Kostform – mit saisonaler Anpassung an die vorherrschenden Wetterbedingungen des vorwiegenden Aufenthaltsortes:

  • eine gekochte Mahlzeit mit einem kleinen Beilagensalat, im Sommer größer
  • ein gekochter Getreideschrotbrei mit einem Topping aus gehackter Petersilie, zerstoßener Leinsaat sowie nativem, kaltgepresstem Olivenöl und Shoyu
  • ein feiner Hirsebrei mit einem frisch geriebenen Apfel, der nur kurz unter den gekochten Brei gehoben wird

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