Daoismus: Grundpfeiler der TCM, Teil I

daoismus tcm
Das Ensō – Symbol der Leerheit und Vollendung

 

Drei Lehren prägten Philosophie und Religion der alten Hochkultur China: Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus. In drei Beträgen sollen sie im Hinblick auf die Traditionelle Chinesische Medizin|TCM kurz skizziert werden.

Daoismus: Religion oder Philosophie? 

Der Daoismus ist eine der großen Drei Lehren Chinas, die sein Weltbild und seine Kultur über Jahrhunderte bis heute hinein prägten. Die fünf antiken daoistischen Wissenschaften basieren auf ihm: Kampfkünste, Feng Shui, Qi Gong, Astrologie und Medizin. Auch wirkte er in weite Teile der Gesellschaft und fast in alle Bereiche der Politik, Wirtschaft, Künste, Philosophie und Geographie.

Begriffsklärung Daoismus

道教 Dàojiào – Lehre des Weges: Daoismus leitet sich vom Begriff DAO ab, der schon vor Laozis Werk Daodejing (4. Jhd. v.Chr.) in der chinesischen Philosophie existierte. Er nimmt Stömungen der chinesischen Antike in sich auf, meist Konzepte der Zhou-Zeit (1045-256 v.Chr) wie etwa die Lehren vom Qi, Yin und Yang sowie die Kosmologie von Himmel-Erde-Mensch. Ein zentrales Thema des Daoismus ist die Suche nach Unsterblichkeit. Mittels verschiedener Techniken wie Qigong, (Atem)Meditation, Alchemie und Magie sollte sie erreicht werden, dabei ist sie nicht materiell, sondern als Unsterblichkeit des Geistes zu verstehen. Einer der 僊 Xiān – Unsterblichen war 黃帝 Huángdì – der mythische gelbe Kaiser, dessen Kompendium chinesischer Medizintexte noch bis heute als klassisches Standardwerk der Chinesischen Medizin Gültigkeit behält.


Dào ist allumfassend und meint sowohl die dualistischen Bereiche der materiellen Welt, als auch die transzendenten jenseits der Dualität. Das Dào ist also sowohl ein Prinzip der Immanenz als auch der Transzendenz. […] In seiner transzendenten Funktion, als undifferenzierte Leere ist es die Mutter des Kosmos, als immanentes Prinzip das, was alles durchdringt.


DàoMethode, Prinzip, der rechte Weg, aber mehr im ursprünglichen Sinne das große – schöpferische – Eine, Transzendente, höchste Wirklichkeit und Wahrheit. Es ist unbenennbar, jenseits der Begrenzung aller Begrifflichkeit und tritt nur durch sein Wirken in der Polarität von YIN und YANG in Erscheinung: Dem Gegensatz von Sein und Nicht-Sein, dem Ursprung von Energie und Materie, der durch Wandlung und Bewegung die zehntausend Dinge des Kosmos hervorbringt; ebenso ihre Ordnung und auch die Vereinigung eben dieser Gegensätze. Abstrakt und schwer faßbar, jenseits unserer alltäglichen Vorstellungskraft bleibt es das DAO.

無爲 Wǔwēi wird häuftig als Nicht-Eingreifen oder nicht Nicht-Handeln übersetzt, dies verkürzt seine Bedeutung jedoch recht stark. WUWEI entspricht dem Prinzip der spontanen Handlung ohne großen Kraftaufwand – seine Energie nicht aufbrauchend durch ein Handeln, das gegen den natürlichen Lauf der Dinge und dem Wirken des DAO gerichtet ist. Diese ordnen sich von selbst und gehorchen einer höheren Ordnung, dem DAO. Durch den angestreben reinen und nicht selbstbezogenen Geist soll leeren Herzens ein absichtsloses Handeln möglich sein, das frei von Wünschen, Begierden und Anhaftungen ist.

Daoistische Aspekte in der TCM

Zahlreiche Elemente der Chinesischen Medizin sind daoistischer Herkunft oder Prägung: Die Lehre vom Qi, YIN und YANG, das YI JING, die Kosmologie von Himmel-Erde-Mensch, Techniken des YANGSHENG wie Qi Gong und alchemische Vorstellungen als Techniken der körperlichen und geistigen Selbstkultiverung.

Teils philosophische Naturanschauung, teils Religion ist der Daoismus in seinen antiken Wurzeln authentisch chinesisch und ein gedanklicher Grundpfeiler der Traditionellen Chinesischen Medizin|TCM, auch hier im modernen Westen.

BA FAN HUAN GONG: Achtfache Rückkehr zum Ursprung, Teil IV

ba fan huan gong
QI GONG: Das Geheimnis der Goldenen Blüte lüften

 

Qi Gong als eigener aktiver Beitrag zur Vermeidung oder Linderung von chronischen und akuten Schmerzen – ein täglicher Weblog im Rahmen der Woche der Traditionellen Chinesischen Medizin 2015 der AGTCM.

Heute Übung 7 und 8 der 8-teiligen Übungsreihe der Achtfachen Rückkehr Ba Fan Huan Gong:

銀河入海 Yín Hé Rù Hǎi – Der Silberfluss ergießt sich ins Meer

Der silberne Fluss ergießt sich ins Meer ist eine Übung des Großen Ursprungs. Sie geleitet den wertvollen Schatz in das Innere zum Dantian zurück. Das Feuer im Ofen verschmilzt LI und KAN. Diese Übung gleicht fürwahr dem geheimnisvollen Dunkel auf dem Grunde eines Blütenkelches.*

Diese Übung leitet den kostbaren Schatz des geläuterten Qi über den großen Silberfluss als zentralen, den Rumpf des Menschen durchdringenden Kanal in das Innere zum Dantian zurück. Die Kommunikation der Feuer-Wasser-Achse wird durch diese Übung wieder hergestellt, Herz-YANG und Nieren-YIN stehen wieder in Verbindung. Denn wenn das Herz wieder auf den Urgrund der Goldenen Blüte gerichtet wird, dann strahlt der Geist SHEN tief in das Potential der Essenzen JING – dann kann alles möglich und wahr werden.

4 Übungsabschnitte

  1. Der Silberne Fluss ergießt sich ins Meer
  2. Einatmen und den Körper drehen
  3. Der Silberne Fluss ergießt sich ins Meer
  4. Einatmen und den Körper drehen
  • Das Qi zum Ursprung zurückführen

 

Anmerkungen

  • 銀河 Yínhé – Milchstraße bzw. Silberfluss, symbolisiert den REN MAI, eines der acht Außerordentlichen Gefäße auf der vorderen Medianlinie des Körpers
  • dies ist ein Bezug zur daoistischen Übung JINDAN – Goldene Perle bei der im kreisenden Verlauf des Kleinen Himmlischen Kreislaufs im unteren Dantian aus dem Qi die goldene Perle entsteht, das daoistische Elixier des Ewigen Lebens
  • ☲ LI – Feuer und ☵ KAN – Wasser sind zwei weitere Trigramme des YI JING, die für die Kommunikation von Herz-YANG und Nieren-YIN auf der Feuer-Wasser-Achse stehen

臥學希夷 Wò Xué Xī Yí – Im Liegen die Stille erlernen (Hören und Sehen ohne Wahrzunehmen)

Im Liegen Stille und Leere zu erlernen ergibt sich als etwas ganz Natürliches. Sonne und Mond sind im Gefäß meines Leibes verkörpert, in meiner Natur spiegelt sich der Himmel. Auf dem Fluss fährt das Fahrzeug hinauf bis zum Gipfel des Kunlun Gebirges. An nichts in dieser Welt sein Herz hängen, das ist Unsterblichkeit.*

Die letzte Übung stellt den höchsten Anspruch an die Fußmuskulatur und den Gleichgewichtssinn: Sonne, Mond und die ganze Welt haben Platz in der Hand, im Geist spiegelt sich der Himmel. Auf dem Silberfluss des Rückens gelangt das geläuterte Qi hinauf ins obere Dantian. Im Herzen leer werden zu können bringt der eigenen Wesensmitte näher. Im Umfassen des Ursprungs, können wir das Eine, das DAO bewahren.

5 Übungsabschnitte

  1. Seitlich Liegen rechts
  2. Ausatmen und Körper aufrichten
  3. Auf der Seite liegen links
  4. Ausatmen mit aufrechtem Körper
  5. Den Ursprung umfassen, um das Eine zu bewahren
  • Zum Ausgangspunkt zurückkehren

 

Anmerkungen

  • Xi Yi war ein Daoist zur Zeit der fünf Dynastien (907-960 v. Chr.), der Übungen im Liegen entwickelte  – 希夷 kann aber auch Stille und Leere bedeuten
  • das Gedicht ist wieder eine Anspielung auf den Kleinen Himmlischen Kreislauf, das Kunlun-Gebirge ist ein mythologischer Ort und repräsentiert das obere Dantian

Das Wochenende geht es an dieser Stelle weiter mit den abschließenden Ausführungen zur Übungspraxis und den Übungen des Stillen Qi Gong.

 

*Zitiert nach Prof. Cong: Fanhuan Gong – Praxis der Qigong Heilmethode, Fujian, China in einer Übersetzung von Dr. Friedrich Dimmling, Berlin – Deutsche Qigong Gesellschaft e.V. 

BA FAN HUAN GONG: Achtfache Rückkehr zum Ursprung, Teil III

ba fan huan gong
QI GONG: Das Qi sammeln, läutern, zum Ursprung zurückführen

 

Qi Gong als eigener aktiver Beitrag zur Vermeidung oder Linderung von chronischen und akuten Schmerzen – ein täglicher Weblog im Rahmen der Woche der Traditionellen Chinesischen Medizin 2015 der AGTCM.

Heute Übung 5 und 6 der 8-teiligen Übungsreihe der Achtfachen Rückkehr Ba Fan Huan Gong:

彭祖抹鬚 Péng Zǔ Mǒ Xū – Der alte Peng streicht seinen Bart aus

Der Alte Peng streicht seinen Bart aus vollführt eine Drehbewegung nach innen. Im Hochheben des Bartes KUN und QIAN austauschen. Sich abstützen, der Schritt des Ausfallbeins nach vorne, den wechselnden Bewegungen des Körpers folgen: Diese Übung erfordert die ganze Konzentration.*

Diese Übung repräsentiert das Zusammenkommen des Himmlischen mit dem Irdischen im Menschsein. Meister Peng galt auch als einer der 8 Unsterblichen. Streicht man seinen Bart aus, so vollführt man eine Drehbewegung nach innen. Durch seitliche Torsion wirkt diese anspruchsvolle Übung auf den Gallenblasenmeridian (SHAOYANG des Fußes) und bewirkt eine verbesserte Kommunikation der Körpervorder- und Rückseite.

5 Übungsabschnitte

  1. Links und rechts den Bart ausstreichen
  2. Das Knie heben und den Bart ausstreichen
  3. Links und rechts den Bart ausstreichen
  4. Das Knie heben und den Bart ausstreichen
  5. Den Hut zurechtrücken und den Bart ausstreichen

 

Anmerkungen

  • der daoistische Meister Peng ist eine Gestalt der chinesischen Überlieferung, der das sagenhafte Alter von 800 Jahren erreicht haben soll
  • ☰ QIAN – das Schöpferische und ☷ KUN – das Empfangende sind zwei der acht Trigramme des YI JING und repräsentieren den Himmel TIAN und die Erde DI

金剛伏虎 Jīn Gāng Fú Hǔ – Der Jinggang bändigt den Tiger

Der Jingang bändigt den Tiger ist eine Übung für die Beine: Auf einem Bein das Gleichgewicht halten, anwinkeln, der Rücken grade. Immer wieder in ständiger Wiederholung wie in goldener Hahn auf einem Bein stehen. Bei der Übung Den Tiger Bändigen hängt alles von einem winzigen Augenblick ab.*

Diese beinlastige Übung bändigt den Tiger und wandelt den Drachen. Beide verlieren dadurch nicht ihre Kraft, sondern nur ihre gefährliche Wildheit. Durch den angewinkelten einbeinigen Stand erinnert diese Übung an die Baumstellung des Yoga und hat eine energetische Wirkung auf Leber- und Perikardleitbahn (JUEYIN des Fuß/der Hand).

4 Übungsabschnitte

  1. Der Jingang besiegt den Tiger links
  2. Ausatmen, den Körper gerade aufrichten
  3. Der Jingang besiegt den Tiger rechts
  4. Ausatmen den Körper aufrichten

 

Anmerkungen

  • die JINGANG sind die waffenstrotzenden Wächter der vier Himmelsrichtungen und besitzen sagenhafte Kräfte
  • Tiger and Dragon sind Stellvertreter für Staat und Streitmacht: 虎 Hǔ – Tiger symbolisiert das YIN und steht im Gegensatz zu 龍 Lóng – Drache, der das YANG repräsentiert – 伏虎 Fú hǔ ist ein metaphorischer Ausdruck, der den Sieg über eine dunkle Macht bezeichnet

Zu den letzten 2 Übungen der Achtfachen Rückkehr zum Ursprung Ba Fan Huan Gong

 

*Zitiert nach Prof. Cong: Fanhuan Gong – Praxis der Qigong Heilmethode, Fujian, China in einer Übersetzung von Dr. Friedrich Dimmling, Berlin – Deutsche Qigong Gesellschaft e.V. 

Räuchern: Dem Feuer übergeben

räuchern
Durch Feinstoffliches die Anbindung an die Höhere Ordnung wiederherstellen

 

Reinigende Rituale: Traditionell wurde im deutschsprachigen Raum zu den 12 Rau(ch)nächten mit edlen Harzen, Hölzern und Kräutern Haus und Hof ausgeräuchert. Diese Raunächte stammen aus der Zeit der Kelten, die den Zeitunterschied vom lunaren zum solaren Jahr mit den sogenannten Freinächten ausglichen. Räuchern soll den Raum von stagnierter Energie klären und dadurch das Wohnklima verbessern. Der feinstoffliche Rauch spricht über den Geruchssinn direkt das limbische System an, eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Struktur des menschlichen Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen dient und einen Bezug zu menschlichen Trieben hat.

In vielen Kulturen wird bei religiösen Ritualen geräuchert: Als Opfergabe oder als Botschaft an den Himmel. So schafft der bekannte Weihrauch einen feierlichen und würdevollen Raum der Andacht, desinfiziert gleichzeitig die Luft und verbessert die Akustik. Das enthaltende Incensol wirkt angstlösend und antidepressiv und scheint so dabei behilflich zu sein, sich auf die Höhere Ordnung einstimmen zu können. Auf körperlicher Ebene wirkt das Harz des Weihrauchbaums entzündungshemmend und antirheumatisch und wurde seit jeher im Orient und Occident naturheilkundlich eingesetzt. Im Iran ist bekannt, das das Weihrauchharz bei innerer Anwendung Geist und Verstand stärkt, das Konzentationsvermögen und die Gedächtnisleistung verbessert.

Die Heiligen Drei Könige brachten dem neugeborenen Jesus bekanntermaßen Weihrauch, Gold und Myrrhe dar. Eine Deutung besagt: Weihrauch versinnbildlicht den Neubeginn und die Geburt, das Schöpferische und den Himmel. Gold steht für die Jugend und das Leben; Myrrhe für den Tod, das Vergängliche, das Weltliche und die Erde. Das erinnert an die drei Königreiche der Realität aus der daoistischen Tradition der Chinesischen Medizin: TIAN – der Himmel, REN – der Mensch, DI – die Erde: Wir Sterblichen verbinden das Himmlische und das Irdische durch unser Menschsein. Ein sehr kurzer Exkurs dazu:

  • Die Polaritäten von Himmel und Erde kommen durch die Wirklichkeit menschliches Handelns, Bewusstsein, Rituale und spirituelle Praxis zusammen. TIAN steht für den Himmel, repräsentiert durch das Trigramm ☰ QIAN – das Schöpferische (das größte YANG) und DI für die Erde, repräsentiert durch das Trigramm ☷ KUN – das Empfangende (das größte YIN). Der Wandel zwischen diesen Polen, Werden und Vergehen ist das zentrale Thema des YI JING, dem Klassiker der Wandlungen, dem diese Trigramme entstammen.
  • Schöpfen und Empfangen, Transformation und Nährung des geistigen Selbst sind auch Themen des Prozesses der inneren Alchemie NEIDAN, der im Gegensatz zur äußeren Alchemie und dem stofflichen Nähren des physischen Köpers steht.

Das Räuchern mittels der transformativen Kraft des Feuers lässt sich als ein Ritual der Wandlung und Übergabe einer irdisch-stofflichen Substanz an die immaterielle Qualität des Himmels deuten. Es unterstützt beim Versuch, sich als spiritueller Mensch aus den gelegentlich trüben Widrigkeiten des Alltags zu den immerwährenden, übergeordneten Wirklichkeiten und Bestimmungen der Höheren Ordnung, dem DAO zu erheben.

 

Meine persönliche Erfahrung mit dem Räuchern und seinen positiven Effekten machte ich während meiner Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung: Nach zwei Jahren Ausbildung sowie einer längeren Fortbildungsreise nach Thailand, die mich als Abschluss zu einer buddhistischen Segnung auf die oberste Ebene des Tempels von Angkor Thom in Kambodscha führte, schloss ich mich 10 Wochen mit all meinen Lernkarten und Prüfungsunterlagen ein und stopfte, was in den Kopf reinging. Für mich galt es nach satten zwei Jahren die westliche Physiologie und die Betonung der Pathologie durch diese unsägliche Amtsarztprüfung hinter sich zu lassen, um sich voll und ganz auf das konzentrieren zu können, womit ich mich eigentlich beschäftigen wollte: Die Traditionelle Chinesische Medizin als eine ganzheitlich-alternative Perspektive auf Mensch, Gesundheit, Wachstum und Wandlung.


以及 Yǐjí – Sowohl … als auch.


Und so geriet diese Vorbereitungszeit auf die Heilpraktikerprüfung für mich zu einem persönlichen Initiationsritus: Die Schwelle vom kausal-analytischen Denken unserer abendländischen Tradition zur synkretistisch-vernetzten Pluralität einer Medizin nach chinesischer Art und Weise. Den Weg bereitete die heilsame Wirkung des Weihrauchharzes, das mein Vater von einer Reise aus dem Jemen mitbrachte …